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Geschichte der Gesandtschaft bis 1940


Estland und Deutschland sind historisch und kulturell bereits seit Jahrhunderten eng miteinander verbunden. Daraus erklärt sich, dass schon vor der Unabhängigkeitserklärung Estlands am 24.02.1918 die Auswärtige estnische diplomatische Delegation sich als diplomatischer Vorposten um die Aufnahme von Kontakten zu dem durch den Krieg geschwächten Deutschen Reich bemüht hat. Diese ersten Versuche missglückten, und bis zum Herbst 1918 war Estland vom Deutschen Kaiserreich okkupiert. Erst im Frühsommer 1919 kam es zu der ersten estnischen Vertretung, da im Mai desselben Jahres das deutsche Außenministerium den bekannten estnischen Sozialdemokraten Mihkel Martna als Vertreter der Republik Estland in Berlin anerkannte. Zu seinem Assistenten und Sekretär-Konsul wurde Friedrich Karlson, der bereits jahrelang in Berlin gewohnt hatte. In die Amtsperiode von Martna und Karlson fielen viele interessante Ereignisse, zu erwähnen sind hier z.B. der Landeswehrkrieg, an dem auch reichsdeutsche Einheiten beteiligt waren, und die Heimkehr estnischer Kriegsgefangener. Die diplomatische Karriere Martnas währte jedoch nicht lange - schon in demselben Jahr zwangen ihn sein gesundheitlicher Zustand und die politische Situation zur Rückkehr nach Estland.

Zum neuen Vertreter, da die Republik Estland de iure noch nicht anerkannt worden war, wurde der Schriftsteller Eduard Vilde ernannt, der Leiter des Büros der estnischen Presse in Kopenhagen ("Estur"). Für Vilde sprachen vor allem seine guten Deutschlandkenntnisse und seine Beziehungen zu linken politischen Kräften. Kennzeichnend für seine Amtsperiode sind unter anderem die Festlegung der Gesandtschaftsstruktur sowie die Anschaffung einer neuen Immobilie: Im Jahre 1920 wurde dank des Einsatzes von Generalkonsul Voldemar Puhk das Gebäude in Berlin-Tiergarten gekauft und seit dem 15. Mai 1920 war die Gesandtschaft unter der Adresse Hildebrandstraße 5 zu finden. Die diplomatische Karriere von Vilde war ebenfalls von kurzer Dauer - bereits Ende 1920 war er auf Grund mehrerer Widerstände gezwungen, das Amt niederzulegen.

Nach Vilde übernahm Karl Menning, der ehemalige Spielleiter des Theaters "Vanemuine" in Tartu/Dorpat und Mitglied der Auswärtigen estnischen diplomatischen Delegation, die Leitung der Gesandtschaft. Auch Menning musste anfangs als Vertreter auftreten und konnte erst ab 1923 seine Tätigkeit als Gesandter weiterführen. Die Amtszeit von Karl Menning währte außerordentlich lange, und erst nach der Machtübernahme durch Hitler wurde er 1933 zurückbeordert.

Der Posten des Gesandten in Berlin zählte damals einerseits zu den schwierigsten, andererseits aber auch zu den interessantesten, denn außer der üblichen Pflege der bilateralen Beziehungen waren z.B. auch die Auswirkungen der Landreform in Estland aktuell. Vor allem baltendeutsche Landbesitzer waren von der Reform betroffen und wanderten in ihre historische Heimat aus. Das politische Leben in der Weimarer Republik war zugleich so vielschichtig, dass man mit Angriffen und Vorwürfen aus sehr unterschiedlichen Gründen und aus allen Kreisen des politischen Spektrums rechnen musste. Darüber hinaus war Deutschland vor allem an guten Beziehungen zu Moskau interessiert.

Nach Karl Menning überreichte im Jahre 1934 Friedrich Akel als nächster estnischer Gesandter sein Beglaubigungsschreiben an Reichspräsident Hindenburg. Vor seinem Amtsantritt in Berlin hatte Akel Estland bereits in Stockholm fünf Jahre lang vertreten. Während seiner Amtszeit war Georg Meri, Vater des Staatspräsidenten Lennart Meri, als Gesandtschaftsrat in Berlin tätig und vor allem für Wirtschaftsfragen zuständig. Das Personal der Gesandtschaft wuchs ständig und gegen Ende des Jahres 1936 traf Oberst Ludvig Jakobsen als Verteidigungsattaché in Berlin ein.

Der Amtsantritt des nächsten Gesandten Karl Tofer ließ wegen der Olympischen Spiele in Berlin 1936 länger auf sich warten als geplant. Als schwierigstes Problem erwies sich während seiner Amtszeit der Versuch, die estnisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen zu regulieren. Für Wirtschaftsfragen waren vor allem Gesandtschaftsräte zuständig, also Georg Meri und sein Nachfolger Philipp Kaljot, während der Gesandte größtenteils repräsentativen Aufgaben nachgehen musste. Das Problem in dem wirtschaftlichen Bereich war dadurch entstanden, dass Deutschland im Handel die sog. Clearing-Markscheine benutzte, die jedoch nicht für die Bezahlung strategisch wichtiger Waren vorgesehen waren. Auf diese Weise hat Deutschland den Außenhandel von Estland und den anderen baltischen Staaten erheblich beeinflusst.

Kurz vor Beginn der sowjetischen Okkupation Estlands im Juni 1940 traf in Berlin der nächste Leiter der Gesandtschaft ein. 1939 wurde Rudolf Möllerson, einer der erfolgreichsten estnischen Karrierediplomaten der Vorkriegszeit, zum Gesandten ernannt. Seine Amtszeit wurde durch den Zweiten Weltkrieg mit allen sich daraus ergebenden Problemen geprägt. Außerdem hatte er die traurige Aufgabe, die Gesandtschaft im Sommer 1940 aufzulösen. Am 9. August 1940 wurde das Gebäude in der Hildebrandstraße den Vertretern der Sowjetunion übergeben. Für ein halbes Jahrhundert blieb Estland in Deutschland unvertreten.


Quellen:

  • Mündliche und schriftliche Erinnerungen von ehemaligen Mitarbeitern der Botschaft (Oskar Öpik, Evald Uustalu, Tamara Kask).
  • Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes.
  • Eero Medijäinen, "Saadiku saatus", Tallinn, 1997.

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