Estnisches Design

06.01.2009
Das estnische Design erringt in der letzten Zeit zunehmend Aufmerksamkeit und internationale Anerkennung.
Das grafische Design, das Design für Leuchten, Möbel, Textilien, Schmuck und Bekleidung haben ihren Weg auf verschiedene Ausstellungen, Messen und den internationalen Markt gefunden.
„Elle Decoration“, „Elle“, „Avantage“, „ID“, „Dwell“ sowie andere französische, deutsche, dänische, schwedische und US-Magazine veröffentlichten ausführliche und umfangreiche Titelstorys über estnische Designer und ihre Erfolge. Das US-Nachrichtenmagazin „Newsweek“ bezeichnete Tallinn sogar als überraschende Hauptstadt des Designs. Diese Ehre verdanken wir den modern und stilvoll gestalteten Cafés und Gaststätten, Museen und SPA-Gesundheitszentren, hinter denen Innendesigner und -designerinnen wie Pille Lausmäe, Gert Sarv, Maile Grünberg, die Büros Pink und Plank, das Designbüro Laika, Belka & Strelka, die Familien Vaiklas u. a. stehen, die aus einer namhaften Schule hervorgegangen sind. Die Innenraumgestaltungen fallen durch ihr nordisches Ambiente, ihre durchdachte Konzeption und ihre innovativen Lösungen auf. Als Trend erwiesen sich in letzter Zeit die Betonung des Estländischen sowie die Einbeziehung ethnischer Elemente in die moderne Umwelt. Den Anstoß dazu gaben u. a. die Textilkünstlerin Signe Kivi und die Schmuckkünstlerin Kärt Summatavet.
Die Branche mit dem umfangreichsten Designangebot stellt die Bekleidungs- und Textilindustrie dar. Die Marken Ivo Nikkolo, Monton, Bastion, Sangar und die auf die Herstellung von Sportbekleidung spezialisierte ISC sind international stark im Kommen. Die in Zusammenarbeit mit Studenten der Estnischen Kunstakademie kreierte Marke Hula versucht den Durchbruch außerhalb Estlands zu erlangen. Die Modedesignerin Reet Aus hat das Modelabel Re-Use, das die Wiederverwendbarkeit von Kleidern propagiert, auf den Markt gebracht.
Ungeachtet des hohen Exports von unverarbeitetem Holz nimmt die Möbelproduktion, ein vorrangiges und bereits mit Auszeichnungen bedachtes Gebiet der Designer, rasant zu. Für das innovative Produkt „Martins Tisch“ erhielt der Designer Martin Pärn den international bedeutenden Preis „red tot“. Besondere Aufmerksamkeit fanden auch Thulema (Designer Martin Pärn), T&T Mang (Designerinnen Tiina Mang, Kaisa Raidmets, Aet Seire), Standard (Designerin Katrin Soans), das Designerpaar Jan Graps und Ken Ruut, Designer Igor Volkov. Vielversprechend ist die neue Marke Fellin Furniture (Designer Sixten Heidmets, Designerin Sirli Põllumäe). Im Bereich der Leuchtenherstellung hat 4Room (Designer Tarmo Luisk) unumstritten die Spitzenposition inne. Im Design der Außenbeleuchtung gibt es dank der Firma ByRollers neuen innovativen Schwung.
Wettbewerbsfähig wurde die Dusch- und Badewannenindustrie mit zwei großen Firmen – Balteco (Designer Matti Õunapuu, Tiit Liiv, Aivar Habakukk u. a.) sowie der etwas elegantere Aquator (Designer Sven Sõrmus und Villi Pogga). Als große Anerkennung kann der ADEX-Innovationspreis aus den USA angesehen werden, der an Sten Ader für das Design der Energiekapsel NeoQi verliehen wurde.
Auf dem Markt sind auch designbewusste Kleinunternehmen dieser Branche vertreten. Matti Õunapuu hat mit seinen langjährigen Erfahrungen geschickt eine Marktnische entdeckt – er gestaltet und produziert Skiboxen, darüber hinaus hat er auch einen Beitrag zur Autoindustrie geleistet.
Einen modernen Weg beschreitet auch das Kunstgewerbe, das eine lange Tradition hat und der Tiefe unserer nordischen Wurzeln entspringt. Schmuck- und Textildesigner testen die Grenzen zwischen traditionellem Kunstgewerbe und modernem Design; als Beispiel hierfür seien die Schmuckkünstlerinnen Anneli Tammik, Katrin Amos und Ülle Kõuts genannt. Neben traditionellen Textilprodukten werden Neuheiten von einer jungen Generation Designerinnen angeboten, die innovative Lösungen offerieren, und sich in Kooperation mit IT-Spezialisten mit den sogenannten intelligenten Textilien auseinander setzen. Auf diese Weise entstehen kälte- und wärmeempfindliche Textilien, sprechende oder leuchtende Teppiche usw. Die Arbeiten von Mare Kelpman, Annike Laigo, Monika Järg, Krista Leesi, Elna Kaasik u. a. beweisen ein hohes künstlerisches und technisches Niveau.
Das estnische grafische Design besitzt starke Wurzeln. Neben den alltäglichen Arbeiten, die der Schaffung des Firmenstils und der visuellen Identität gewidmet sind (Asko Künnap, Markko Karu u. a.), ist das Künstlerplakat wieder zum Leben erweckt worden (Markko Kekishev, Martin Pedanik, Ivar Sakk, Ruth Huimerind u. a.), und grafische Designer (Kristjan Jagomägi, Anton Koovit, Mart Anderson) suchen die Identität der estnischen Typografie. In Zusammenarbeit mit dem finnischen Hersteller Savcor Oy hat die Künstlerin Ilona Gurjanova eine ganze Serie grafischer Elemente für Kacheln geschaffen. Hinter der neuen starken Generation grafischer Designer stehen die Professoren der Kunstakademie Ivar Sakk und Kristjan Mändmaa.
Alle zwei Jahre verleiht der Verband Estnischer Designer den Designpreis „Bruno“. Für die Motivation junger Produktdesigner wurde der Designpreis „Säsi“ geschaffen.
Immer mehr hat estnisches Design auch außerhalb Estlands Anerkennung gefunden. Der Ideenentwurf „Roundelay“ der Glaskünstlerin Tiina Sarapu erhielt auf dem italienischen Wettbewerb „Trieste Contemporanea Design Contest“ den Hauptpreis. Der Student der Estnischen Kunstakademie, Riho Tiivel, erhielt mit seinen Alulöffeln den Hauptpreis des internationalen Designwettbewerbs „ReAL 13“.
Auf der Messe für Haushaltswaren Macef im Jahr 2006 in Mailand wurde dem Designstudenten der Estnischen Kunstakademie, Pavel Sidorenko, der Massimo-Martini-Preis verliehen. Im Jahr 2007 wurden Thulema und Aquator beim „Design Management Europe Award“ mit einem Sonderpreis ausgezeichnet.
Seit dem Jahr 2000 fanden außerhalb Estlands Ausstellungen estnischen Designs im Designmuseum und mehrmals im Design Forum Helsinki, auf der Design-Biennale in St. Etienne sowie auf dem internationalen Designfest „DesignMai Berlin“ und im Kommunikationsmuseum Berlin statt. Im Design Center Stuttgart fand im Jahr 2007 zum siebenten Mal die internationale Designkonferenz „Face to Face“ statt, auf der Estland seine Erfolgsstorys abwechselnd mit den deutschen Kollegen vorstellte. Die estnische Design-Wanderausstellung ist in Lettland und in der Türkei gezeigt worden.
Seit mehreren Jahren wird das estnische Design mit staatlicher Unterstützung auf den Messen im Ausland präsentiert. Mehrfach stellte der Verband Estnischer Designer seine Kollektion auf der Messe Maison&Objet/now! in Paris vor und nahm 2008 zum ersten Mal an der Messe 100% Design in London teil.
Eine rege Zusammenarbeit verbindet Estland mit seinen Nachbarn. In Kooperation von estnischen und finnischen Unternehmern mit den estnischen Designern sind Designprojekte realisiert worden, was dazu geführt hat, dass neue Produkte fertiggestellt und Konzepte für ein Zukunftshotel entwickelt wurden. Die Ergebnisse sind in Ausstellungen in Estland und Finnland gezeigt worden. Es wird angestrebt, die Zusammenarbeit zwischen den Designern und Unternehmen voranzutreiben. In Vorbereitung befindet sich das Kooperationsprojekt zur Verwirklichung der Konzeption „Design For All“.
Traditionell wird im Herbst im Rahmen des Festivals „Art & Lights in Tallinn“ die Nacht des Designs „Disaniöö“ durchgeführt (26.-28.09.2008). Das Festival fördert das kreative Schaffen in allen kulturellen Bereichen wie Film, Kunst, Musik und Theater. Die beiden Projekte „Art & Lights in Tallinn“ und die „Disaniöö“ werden zum Programm von „Tallinn – Kulturhauptstadt Europas 2011“ gehören. Die „Disaniöö“ wird in Zusammenarbeit mit „Helsinki Design Week“ veranstaltet unter Beteiligung von Gästen aus dem Ausland. Einen Überblick über das estnische Design konnte man in den exotischen Türmen der Stadtmauer und in einem verlassenen E-Kraftwerk „Kultuurikatel“ bekommen. In der „Disaniöö“ wurden die Gewinner des estnischen Designpreises „Bruno“ nominiert; es wurden Seminare durchgeführt, neue Produkte vorgestellt, Mode gezeigt, eine wohltätige Designauktion durchgeführt usw.
Die im Designjahr 2006/2007 erfolgreich durchgeführten Projekte zur Vertiefung des Designbewusstseins haben bewiesen, dass die Gesellschaft durchaus mehr Informationen und Ratschläge im Bereich des Designs benötigt. Dies führte dazu, dass die Kunstakademie, die Technische Universität, der Verband Estnischer Designer und das Designinstitut Estlands im Jahr 2008 das Estnische Designzentrum gegründet haben, mit dem Ziel, die Möglichkeiten vorzustellen, die sich aus dem erfolgreichen Einsatz des Designs ergeben, und das estnische Design zu fördern.
Ilona Gurjanova Vorsitzende des Verbandes Estnischer Designer
 
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