e-Estland

04.08.2011
Der Begriff „E-Estland“ wird häufig verwendet, um den
Aufstieg Estlands zu einer der fortschrittlichsten Gesellschaften des
digitalen Zeitalters weltweit zu beschreiben – diese
unglaubliche Erfolgsgeschichte ist das Ergebnis einer guten
Partnerschaft zwischen einer zukunftsorientierten Regierung, einem
tatkräftigen Sektor der Informations- und Kommunikationstechnologie und
einer computerfreudigen und technisch versierten Bevölkerung. Diesem
Erfolg ist es zu verdanken, dass sich die Esten und der estnische Staat
eines breitgefächerten Spektrums von IT-Möglichkeiten erfreuen, wovon
die Menschen in anderen Ländern nur träumen können.
Für die Bürger Estlands sind die webbasierten elektronischen
Dienstleistungen wie etwa E-Wahlen, E-Steuern, E-Polizei, E-Gesundheit,
E-Banking und E-Schule zur Routine geworden. Das Präfix „E“ für
Online-Services ist heutzutage allgemein gebräuchlich geworden. Die
meisten Esten würden es gar nicht in Betracht ziehen, Angelegenheiten,
die leicht online im Netz durchgeführt werden können, auf altmodische
Art und Weise wie zum Beispiel durch einen Behördengang zu erledigen.
Dank dem elektronischen Staat haben die Menschen mehr Freiheit, mehr
Zeit, die sie im Wald, auf dem Lande, in den unzähligen Mooren des
Landes oder eben in der bekannten Altstadt Tallinns verbringen können.
Heute kann nahezu jede Angelegenheit mit ein paar Mausklicks über das
Internet abgewickelt werden. Elektronische ID-Karte
Nach dem Stand vom Januar 2011 besitzen über
1,1 Millionen Einwohner Estlands (fast 90 % der
Bevölkerung) eine Identifikations-Karte (ID-Karte). Die estnische
ID-Karte dient als Personalausweis, innerhalb der Europäischen Union
auch als offizielles Reisedokument und bei der Nutzung der digitalen
Dienstleistungen zur Personenidentifizierung. Mit anderen Worten: Die
ID-Karte ist der Schlüssel zu fast allen innovativen
Online-Diensten in Estland. In der ID-Karte befindet sich ein
Chip, der nicht nur die wichtigsten Informationen über seinen Besitzer
speichert, sondern auch über zwei Berechtigungszertifikate verfügt,
wobei das eine der Feststellung der elektronischen Identität dient und
das andere mit der Funktion der rechtsgültigen digitalen Signatur
ausgestattet ist. Dank ihrer Sicherheit kann die ID-Karte im Netz
überall dort eingesetzt werden, wo die Identitätsüberprüfung
unerlässlich ist. Mit der ID-Karte kann man im Netz Bankgeschäfte
tätigen, an den Online-Wahlen teilnehmen, Fahrscheine kaufen und vieles
mehr. Die ID-Karte ist noch sicherer geworden, seit persönliche
PIN-Nummern für die Nutzung der Karte erforderlich sind.
Neben der ID-Karte kann auch das Mobiltelefon
verwendet werden, um sich für Internet-Dienste zu
identifizieren. Das ist noch angenehmer, da ein
ID-Karten-Lesegerät wie am Computer nicht benötigt wird. Ein
Mobiltelefon kann zugleich als Karte und als Kartenlesegerät benutzt
werden. Online-Services für Bürger
E-Wahlen Seit 2005 hat jeder Einwohner
Estlands die Möglichkeit, seine Stimme über das Internet abzugeben.
Mittels seiner ID-Chipkarte per Computer oder mittels Mobilfunk-ID per
SMS kann der Wähler von zu Hause aus oder gar während einer
Auslandsreise abstimmen. Das elektronische Wahlverfahren, das einige
Tage vor der „klassischen“ Papierwahl durchgeführt wird, ist wohl der
bequemste Weg, die Stimme abzugeben. Bei der Abgabe der elektronischen
Stimme identifiziert sich der Wähler mittels der ID-Karte und
PIN-Nummer, damit aber der Wahlvorgang anonym erfolgt, wird unmittelbar
nach der elektronischen Stimmabgabe die Stimme von der digitalen
Signatur getrennt. Im Jahr 2011 gaben 140 846 Wähler bei den
Parlamentswahlen ihre Stimme per Internet ab, das macht 24,3 %
der Wähler aus. Die Anzahl der Online-Stimmen und die Wahlbeteiligung
bei den letzten Wahlen zeigen die positive Wirkung des elektronischen
Abstimmungssystems für die allgemeine Wahlbeteiligung. www.valimised.ee
E-Steuerbehörde Estnische Bürger können
ihre Einkommensteuererklärung online über das Internet einreichen. Die
E-Steuerbehörde bietet einen bereits vorbereiteten Antrag, der ein
einfaches und schnelles Ausfüllen möglich macht. Das System
identifiziert Personen mit Hilfe der ID-Karte oder Mobilfunk-ID. Der
Bürger muss sich nur im digitalen Steuersystem anmelden, die bereits
automatisch zusammengestellten Angaben im Antrag überprüfen, ergänzen
oder bei Bedarf korrigieren, und dann die Steuererklärung freigeben. Der
Service ist in der Bevölkerung Estlands so beliebt geworden, dass im
Jahr 2011 über 93 % der Einkommensteuererklärungen online bei
der E-Steuerbehörde eingereicht wurden. www.emta.ee
E-Business Ein Unternehmer kann in
Estland in einem vollkommen bürokratiefreien Vorgang an seinem eigenen
Computer eine Firma gründen. Die Rekordzeit für die Gründung und
Anmeldung eines Unternehmens im estnischen E-Business-Portal beträgt
gerade mal 18 Minuten. Bei einer Firmengründung über das Internet ist
eine estnische ID-Karte erforderlich, wobei das System aber auch
ID-Karten aus Belgien, Portugal, Litauen und Finnland akzeptiert.
Derzeit wird darauf hingearbeitet, einer wachsenden Anzahl von
Firmengründern aus anderen Nationen die Gelegenheit zu bieten, ihr
Unternehmen via Internet zu registrieren. https://ettevotjaportaal.rik.ee
E-Banking Die Bürger
erwarten mittlerweile, dass der E-Staat auch den privaten Sektor
auffordert, papierlose Lösungen anzubieten. Eines der besten Beispiele
ist das Banking. Der Ausdruck „in die Bank gehen“ ist so gut wie ganz
aus der estnischen Sprache verschwunden. Ein Este „loggt sich“ in der
Regel in die Bank ein. Seit nunmehr zehn Jahren ist persönliches
Erscheinen in der Bank nicht mehr erforderlich. Für die meisten Menschen
ist es unwichtig, wann die Bank geöffnet oder geschlossen wird und wo
sie sich befindet, denn die Internet-Bank hat 24 Stunden am Tag
geöffnet. Gegenwärtig werden 98 % der Bankgeschäfte über das
Internet abgewickelt. Das Onlinebanking ist sicher, da die Identität
mittels einer ID-Karte oder Mobilfunk-ID überprüft wird. Beide
Möglichkeiten sind um ein Vielfaches sicherer, als das beliebte
Passwort-Kartensystem, das in Estland noch parallel verwendet
wird. E-Ticket Heutzutage
kaufen nur Touristen Papiertickets für die öffentlichen Verkehrsmittel
in der estnischen Hauptstadt. Die Einheimischen erwerben ihre
Fahrscheine über das Internet, ihre virtuellen Tickets sind in ihrer
persönlichen ID-Karte gespeichert und können anhand eines Kartenlesers
beim Schaffner überprüft werden. Die Papiertickets sollen endgültig in
den Mülleimer der Geschichte geworfen werden.
Online-Services im Gesundheitswesen
Digitales Rezept Zum 1. Januar
2010 wurde im Gesundheitswesen Estlands ein IT-Programm – das
digitale System zur Arzneimittelverschreibung – eingeführt.
Früher haben die Patienten vom Arzt Rezepte auf Papier bekommen und sind
damit in eine Apotheke gegangen. Dieses System wies mehrere
Schwachstellen auf: Es war leicht, das Rezept zu verlieren, die
Handschrift des Arztes konnte unleserlich sein usw. Bei einem
elektronischen Rezept gibt es diese Probleme nicht, denn alle Rezepte
des Arztes werden digital von einer zentralen Datenbank erfasst. Wenn
dann der Patient in die Apotheke geht, ruft der Apotheker das auf einem
Zentralrechner hinterlegte Rezept ab, und es ist nicht möglich, dass der
Patient das Rezept verliert oder die Handschrift des Arztes unleserlich
ist. www.digilugu.ee
Elektronische Patientenakte Seit Januar
2010 nutzt Estland das medizinische Informationssystem, mit dem die
Menschen ihre eigene digitale Krankengeschichte einsehen können. Das
System erfasst Informationen über Diagnosen, Arztbesuche,
Untersuchungen, Behandlungen im Krankenhaus, die vom Arzt verschriebenen
Medikamente usw. Eine Person erhält Zugang zu ihren Daten über das
Patientenportal, indem man die Identität durch die Verwendung einer
ID-Karte bestätigt. www.etervis.ee
Online-Services im Bildungswesen
E-Schule Seit 2003 können alle Schulen
das webbasierte Kommunikationsportal für Schule und Zuhause „E-Schule“
benutzen. Das Angebot hat zum Ziel, die Eltern aktiver mit in den
Lehrprozess einzubeziehen, die Lehrinformationen für Kinder und Eltern
zugänglicher zu machen und die Arbeit der Lehrer und der Schulleitung zu
erleichtern. So können zum Beispiel anhand der E-Schule die Noten und
Fehlstunden der Schüler, die Stundeninhalte und Hausaufgaben fortlaufend
eingesehen werden sowie die Beurteilung der Schüler durch ihre Lehrer
am Ende einer Lehrperiode. Hochschulen via
Internet Alle estnischen Schulabgänger der
Oberschulen müssen staatliche Prüfungen ablegen. Die Prüfungsergebnisse
werden direkt ins elektronische Informationssystem eingetragen und jeder
Abiturient kann sie im Staatsportal www.eesti.ee abrufen oder die
Ergebnisse seiner Abiturprüfung per SMS über Mobilfunk empfangen. Nach
dem Abschluss können sich estnische Jugendliche online im staatlichen
Informationssystem um einen Studienplatz an einer Hochschule bewerben.
Das Informationssystem verbindet die Hochschul-Datenbanken und
Prüfungsergebnisse der Schulabgänger, und dadurch wird der
Informationsaustausch zwischen dem Bewerber und der Universität
wesentlich vereinfacht. Zahlung per Mobiltelefon
Bei der Nutzung von Online-Diensten bedarf es
nicht immer eines Computers. Mit dem Mobiltelefon kann auch die
Parkgebühr gezahlt werden (M-Parken), indem man eine bestimmte Nummer
anruft oder eine SMS sendet. Um den Parkplatzwächter über die
durchgeführte Mobilfunk-Zahlung zu informieren, wird ein entsprechender
Aufkleber an die Windschutzscheibe oder an die rechte Fensterscheibe des
Fahrzeugs geklebt. Die M-Services über Mobilfunk
ermöglichen es auch, einen Fahrschein für die öffentlichen
Verkehrsmittel ohne Bargeld zu erwerben. Ebenfalls ist es möglich, mit
dem Handy Theaterkarten zu kaufen und im Supermarkt zu zahlen. Die in
Estland entwickelten Mobilfunk-Dienste wurden bereits erfolgreich auch
in anderen Ländern angewandt. E-Governance-Academy
Die E-Governance-Academy ist ein gemeinnütziges
Zentrum für die Entwicklung und Analyse der Informationsgesellschaft,
das darauf abzielt, die Erfahrungen Estlands als elektronischer Staat in
den Bereichen E-Regierung, E-Demokratie und Bildung auf dem Gebiet der
Informationstechnologie weiterzugeben. An der E-Governance-Academy sind
bis heute über 700 Personen aus 36 verschiedenen Nationen geschult
worden, darunter Teilnehmer aus Kanada, Japan, Georgien, Indien, Namibia
und Pakistan. Die Erfahrungen und das Wissen Estlands haben dazu
beigetragen, die Wahlprozesse vieler Länder transparenter,
demokratischer und bürokratiearmer zu gestalten. www.ega.ee
E-Estland im Überblick
- 76 % der Bevölkerung (im Alter von 16-74
Jahren) nutzt das Internet (Statistisches Amt,
2010).
- 67,8 % der Haushalte verfügen über
einen Internetanschluss (Statistisches Amt,
2010).
- Alle estnischen Schulen haben
Internetzugang.
- Schnelle WLAN-Internet-Zugänge sind
an mehr als 1 100 öffentlichen Orten verfügbar. Vielerorts ist
dieser Service kostenlos. Der WLAN-Bereich wächst ständig und deckt ganz
Estland ab: www.wifi.ee.
- 98 % der
Bankgeschäfte werden via Internet abgewickelt.
- Es
ist möglich, die Einkommensteuererklärung über das Internet
einzureichen. Im Jahr 2011 wurden mehr als 93 % der
Steuererklärungen bei der E-Steuerbehörde
eingereicht.
- Die Ausgaben der öffentlichen Hand
können im Internet in Realzeit verfolgt werden.
- Die
Kabinettssitzungen werden papierlos mittels eines internetbasierten
Dokumentationssystems online durchgeführt.
- Estland
ist flächendeckend mit digitalen Mobilfunknetzen
versorgt.
Der vom Weltwirtschaftsforum unter 138
Staaten durchgeführten Studie hinsichtlich der Anwendung der
Informationstechnologie (The Global Information Technology Report
2010-2011, The Network Readiness of Nations, www.weforum.org) zufolge
belegt Estland Platz 26 und hat damit die Spitzenposition unter den
mittel- und osteur
 
|