Die gegenwärtige estnische Kultur

06.01.2009
Das sich zwischen Ost- und Westeuropa befindliche Estland stellt auch kulturell eine Grenzzone, eigentlich einen Kreuzungspunkt dar. In den hiesigen Traditionen sind sowohl Elemente aus dem Osten als auch aus dem Westen enthalten, jedoch fühlten sich die Esten mehr als Nordländer und richteten sich ideell nach Skandinavien aus. Besonders in der Kultur von Rand- und Grenzgebieten können sich aber sehr interessante Erscheinungen und Kombinationen herausbilden, und in dieser Hinsicht ist Estland ein Land der vielgestaltigen Möglichkeiten. So besteht die gegenwärtige estnische Kultur trotz der Winzigkeit des Landes aus zahlreichen verschiedenen Fassetten, für die es häufig schwer fällt, einen gemeinsamen Nenner zu finden.
Eine der Visitenkarten Estlands in der Welt ist zweifellos die zeitgenössische ernste Musik. Die Komponisten Arvo Pärt, Veljo Tormis und Erkki-Sven Tüür brauchen den Kennern ernster Musik wohl nicht vorgestellt zu werden, wie auch die in der ganzen Welt mit zahlreichen Orchestern und Chören arbeitenden Dirigenten Neeme Järvi, Eri Klas und Tõnu Kaljuste sowie die stets mehr und mehr Beachtung findende Anu Tali. Die Rolle der Musik und des Gesangs hatte für die Wahrung des Estentums im Laufe der Jahrhunderte eine große Bedeutung, und die Tradition der großen Sängerfeste, die im 19. Jahrhundert auf dem Wellenkamm der nationalen Bewegung ihren Anfang nahmen, ist bis heute eine der prägnantesten Erscheinungen des hiesigen Kulturlebens. In letzter Zeit wurde das Folkmusikfestival in Viljandi, das die traditionelle Musik verschiedener Völker am Leben erhält und interpretiert, sowohl für das jüngere als auch das ältere Publikum eines der populärsten Ereignisse des Jahres.
Der Kreis derjenigen, die sich jahrzehntelang begeistert mit Jazz beschäftigt hatten, war der Nährboden dafür, dass die Konzerte des Jazzkaare-Festivals große Resonanz und ein zahlreiches Publikum gefunden haben. Das Festival „Hea Uus Heli“ konzentriert sich auf die Vorstellung experimenteller und alternativer Musik. Die Alben estnischer Alternativmusiker wie zum Beispiel von „Rulers of the Deep“, Dave Storm, „Galaktlan“ und anderer fanden sowohl in den USA, Großbritannien, Deutschland als auch in weiteren Ländern große Anerkennung. Estnische Vertreter der Popmusik wie „Vanilla Ninja“, Maarja konnten auch im Westen Fuß fassen und erzielten bereits beachtliche Erfolge in den dortigen Charts. Im Jahr 2001 gewannen Tanel Padar und Dave Benton als Vertreter Estlands den Eurovision Song Contest.
Das meistersehnte und bedeutendste Ereignis der letzten Jahre für die Kunstszene Estlands war zweifellos die Eröffnung des neuen Hauptgebäudes des Estnischen Kunstmuseums KUMU in Tallinn-Kadriorg Anfang 2006. Der Bau des finnischen Architekten Pekka Vapaavuori, dessen Entwurf den bereits vor mehr als zehn Jahren ausgeschriebenen Architekturwettbewerb gewann, hat internationale Beachtung gefunden. Für das estnische Publikum ist es gewiss am wichtigsten, was es sich in diesem Kulturtempel ansehen kann. Dem Kunstmuseum mit seiner fast neunzig Jahre alten Geschichte ist es erstmals möglich, in einer Dauerausstellung die gesamte estnische Kunst vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis hin zu den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu präsentieren. In gleich großem Umfang wie die Klassik ist auch die Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg berücksichtigt, darunter sind Werke sowohl von Klassikern der Avantgarde wie Leonhard Lapin, Ülo Sooster u. a. als auch von den Lieblingen des heimischen Publikums Jüri Arrak und Enn Põldroos. Neben der Dauerausstellung gibt es im KUMU eine Galerie der zeitgenössischen Kunst und einen großen Ausstellungssaal, in denen sowohl estnische als auch ausländische Kunst gezeigt wird. Ziel des KUMU ist es, eines der bedeutendsten Kunstzentren der baltischen Länder sowie ein wichtiger Treffpunkt des nordischen und europäischen Kunstlebens zu werden.
Obwohl die visuelle Kunst keine Sprachbarrieren kennt, verlief in diesem Segment der Weg der Esten in die Welt etwas holpriger als auf dem Gebiet der Musik. Seit 1997 spielt für die Vorstellung der zeitgenössischen estnischen Kunst die Biennale in Venedig eine bedeutende Rolle, auf der wir von dem auch international bekannten Künstler Jaan Toomik und der Künstlerin Ene-Liis Semper sowie Marco Laimre, Kaido Ole und Marko Mäetamm u. a. vertreten wurden.
Unter den estnischen Exil-Künstlern errang Mark Kalev Kostabi mit seiner Kostabi World in New York während der letzten Jahrzehnte die größte Beachtung.
Häufig wurde die estnische Kultur aufgrund ihrer protestantischen Tradition eher wort- als bildbezogen betrachtet, und so wurde die Bedeutung, ja sogar eine bevorzugte Position der Literatur gegenüber den anderen Kunstarten betont. In der heutigen kaleidoskopischen Literaturlandschaft findet man eine Vielfalt der Richtungen vor.
Die Werke vom Grand Old Man der estnischen Literatur, Jaan Kross, in deren Mittelpunkt die Geschichte und das Schicksal des estnischen Volkes stehen, sind nach wie vor bekannt und beliebt. Ebenso wichtig ist das Schaffen des vielseitigen Prosaisten, Dichters, Essayisten und Übersetzers Jaan Kaplinski. In der Belletristik des letzten Jahrzehnts riefen die Werke von Tõnu Õnnepalu ein reges Echo hervor. Bei der Sinngebung der Kultur spielen die Texte von Hasso Krull eine wichtige Rolle. Viivi Luik verfasste Gedichte und Prosawerke, die historische und persönliche Erfahrungen empfindsam verbinden. Die Tradition kraftvoller estnischer weiblicher Dichtung wird von Doris Kareva fortgeführt.
In seiner Heimat ist Andrus Kivirähk zu einem der populärsten Schriftsteller geworden, der seinen Stoff aus der teilweise seltsamen Mythologie der Esten schöpft. Ebenso hat Kaur Kender, der in seinen Werken die moderne frühkapitalistische Gesellschaft schildert, große Popularität errungen. Aktive estnische Jungpoeten haben sich in mehreren Gruppierungen zusammengeschlossen. Sowohl die heimische als auch die zeitgenössische Dichtung unserer nächsten Nachbarn wird auf dem Gedichtfestival der nordischen Länder im Frühjahr vorgestellt. Neben der muttersprachigen Literatur hat die übersetzerische Tätigkeit seit der neuen Unabhängigkeit sowohl bei der Vermittlung der Klassik schöngeistiger Literatur als auch bei den Basistexten zur Kulturgeschichte eine Schlüsselrolle übernommen. Die Fragen der Erhaltung, Entwicklung und Veränderung der estnischen Sprache, die von einem Volk mit nur knapp einer Million Einwohnern gesprochen wird, und die Schöpfung eines eigensprachigen Wortschatzes in allen Lebensbereichen gewinnen in der heutigen immer offener werdenden Welt stetig an Bedeutung. Dabei kommt auch dem Kulturjournalismus, dessen Leserzahl im Verhältnis zur Einwohnerzahl sogar äußerst groß ist, eine wichtige Rolle zu.
Das Theater stellt im Vergleich zum individuellen Schaffen ein komplexeres System dar, und folglich schritten die Veränderungen auf diesem Gebiet bedächtiger voran. Nach einem zeitweiligen Tiefstand am Anfang der 90er Jahre sind die Säle jetzt aber wieder gefüllt. Das älteste estnische Theater, „Vanemuine“ in Tartu, in dem sowohl Wort-, Musik- als auch Tanzaufführungen dargeboten werden, hat seine Universalität beibehalten. In Tallinn ist neben dem Estnischen Dramentheater sowie dem Oper- und Balletttheater „Estonia“ das Tallinner Stadttheater zu einem repräsentativen Theater und zur schöpferischen Spitze geworden, insbesondere dank seinem tatkräftigen Leiter, dem Regisseur Elmo Nüganen. Mit alternativen Aufführungsformen beschäftigt sich am konsequentesten das „Von Krahl Theater“, an dessen Spitze der Regisseur Peeter Jalakas steht. Eine bedeutende Rolle bei der Einführung postmoderner Strategien in das Theaterleben und bei der Einflussnahme auf das Publikum spielte der vor kurzem verstorbene Schriftsteller und Regisseur Mati Unt. Große Aufmerksamkeit und reges Interesse rief das jüngste Theater „NO99“ mit den Aufführungen unter seinem Leiter Tiit Ojasoo hervor, der in seinen Experimenten die Grenzen und die Eigenart der Theaterkunst analysiert. Zu einem Phänomen und zum Publikumsmagnet ist das Sommertheater geworden, das Jahr für Jahr neue Spielplätze und Möglichkeiten für die Aufführung von sowohl unterhaltsamen als auch ernsteren Stücken außerhalb der üblichen Theaterräumlichkeiten entdeckt. Neben den großen staatlichen Theatern verdienen kleine freie Gruppen immer mehr Beachtung; ebenso ist eine Szene mit Truppen, Agenturen und Festivals entstanden, die sich vor allem dem modernen Tanz widmet.
Neben dem Theater ist in Estland die wirtschaftlich und schöpferisch aufwändige Filmproduktion wieder auf die Beine gekommen, und nach den älteren Filmregisseuren (Jüri Sillart, Peeter Simm) ist eine neue Generation von Regisseuren (Andres Maimik, Jaak Kilmi u. a.) herangewachsen. Das Spitzenereignis des Filmlebens ist zweifellos jedes Jahr das internationale Filmfestival der dunklen Nächte, das zum Treffpunkt von Filminteressenten aus Estland und dem nahen Ausland geworden ist. Das Festival für Dokumentar- und Anthropologiefilme in Pärnu, das jeden Sommer vom Filmemacher und universellen Kulturmultiplikator Mark Soosaar veranstaltet wird, hat ebenfalls sein Publikum gefunden. Das Gütezeichen des estnischen Films sind schon seit Jahrzehnten die Animationsfilme, und ihr herausragendster Vertreter Priit Pärn zählt mit seinen Zeichentrickfilmen nach wie vor zur Weltspitze.
Ähnlich wie das geistige Umfeld hat sich binnen des letzten Jahrzehnts auch das Lebensumfeld verändert. Architektur und Stadtgestaltung sind im letzten Jahrzehnt zum Thema lebhafter Diskussionen insbesondere in der Hauptstadt Tallinn geworden, wo die in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommene Altstadt und der neue großstädtische Raum mit Büro- und Bankgebäuden, Hotels und Einkaufszentren mit ihren Spiegelglasscheiben einträchtig nebeneinander existieren. Viel Gesprächsstoff boten in letzter Zeit auch Denkmäler, sowohl als Erinnerungsmonumente komplizierter und teilweise widersprüchlicher Ereignisse der estnischen Geschichte, als auch als Kunstwerke und städtische Gestaltungselemente.
Neben der geistigen und materiellen Umwelt nimmt die Rolle des dritten Raums, der virtuellen Realität sowohl im Alltagsleben als auch im kulturellen Leben stetig zu. Neue technologische Medien haben insbesondere in der Entwicklung der visuellen Kunst ihre Spuren hinterlassen, jedoch als Kommunikationsmittel, zum Beispiel durch Fachzeitschriften und Websites im Internet, strahlen sie auch auf andere Bereiche der Kultur aus. Die Mobilität und hohe Flexibilität der Kultur eines kleinen Landes zeigt sich in der Offenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber den neuen Möglichkeiten, ohne dass dabei die kulturelle Eigenständigkeit verloren geht.
Anu Allas Kunstkritikerin
 
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