Die gegenwärtige estnische Kultur

04.08.2011
Das sich zwischen Ost- und Westeuropa befindliche Estland
stellt auch kulturell eine Grenzzone, eigentlich einen Kreuzungspunkt
dar. In den hiesigen Traditionen sind sowohl Elemente aus dem Osten als
auch aus dem Westen enthalten, jedoch fühlten sich die Esten mehr als
Nordländer und richteten sich ideell nach Skandinavien aus. Besonders in
der Kultur von Rand- und Grenzgebieten können sich aber sehr
interessante Erscheinungen und Kombinationen herausbilden, und in dieser
Hinsicht ist Estland ein Land der vielgestaltigen
Möglichkeiten. Musik Eine
der Visitenkarten Estlands in der Welt ist zweifellos die
zeitgenössische ernste Musik. Die Komponisten Arvo Pärt,
Veljo Tormis und Erkki-Sven Tüür brauchen den Kennern
ernster Musik wohl nicht vorgestellt zu werden, wie auch die in der
ganzen Welt mit zahlreichen Orchestern und Chören arbeitenden Dirigenten
Neeme Järvi, Eri Klas und Tõnu Kaljuste
sowie die stets mehr und mehr Beachtung findende
Anu Tali. Die Rolle der Musik und des
Gesangs hatte für die Wahrung des Estentums im Laufe der Jahrhunderte
eine große Bedeutung, und die Tradition der großen
Sängerfeste, die im 19. Jahrhundert auf dem
Wellenkamm der nationalen Bewegung ihren Anfang nahmen, ist bis heute
eine der prägnantesten Erscheinungen des hiesigen Kulturlebens. Zu den
Highlights des Sängerfestes versammeln sich bis zu 25 000 Esten
auf der großen Freilichtbühne, um gemeinsam zu singen. Im Sommer 2011
fand das XI. Gesangs- und Tanzfest der estnischen Jugend unter
dem Motto „Erde und Welt“ statt. In letzter Zeit
wurde das Folkmusikfestival in Viljandi, das die
traditionelle Musik verschiedener Völker am Leben hält und
interpretiert, sowohl für das jüngere als auch für das ältere Publikum
eines der populärsten Ereignisse des Jahres. Ferner gehören das
Jazzkaar-Festival und das eigentümliche, Musik und
Theater verbindende Birgitta-Festival sowie das
Seemusik-Festival in
Leigo in der schönen südestnischen Landschaft zu den
großen Publikumsmagneten. Zu den Newcomern gehört das von dem bekannten
Dirigenten Tõnu Kaljuste ins Leben gerufene und unter seiner
Leitung geführte Nargen-Festival, das Sommerkonzerte
auf den kleinen Inseln Estlands veranstaltet. Seit
2009 findet jedes Frühjahr die Tallinn Music Week
statt, auf der die estnische zeitgenössische Musik präsentiert wird und
die aktuell besten Musiktalente auftreten. Durch dieses Festival sind
die Band „Svjata Vatra“ und die junge Sängerin Iiris zu einer
größeren Bekanntheit gelangt.
Visuelle Kunst Obwohl die visuelle
Kunst keine Sprachbarrieren kennt, verlief in diesem Segment der Weg der
Esten in die Welt etwas holpriger als auf dem Gebiet der Musik. Seit
1997 spielt für die Vorstellung der zeitgenössischen estnischen Kunst
die Biennale in Venedig eine bedeutende Rolle, auf der Estland von dem
auch international bekannten Künstler Jaan Toomik und der
Künstlerin Ene-Liis Semper sowie Marco Laimre, Kaido Ole und
Marko Mäetamm u. a. vertreten wurden. Das
meistersehnte und bedeutendste Ereignis der letzten Jahre für die
Kunstszene Estlands war zweifellos die Eröffnung des neuen Hauptgebäudes
des Estnischen Kunstmuseums KUMU in Tallinn-Kadriorg Anfang 2006. Dem
Kunstmuseum mit seiner fast neunzig Jahre alten Geschichte ist es
erstmals möglich, in einer Dauerausstellung die gesamte estnische Kunst
vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis hin zu den 90er Jahren zu
präsentieren. Neben der Dauerausstellung gibt es im KUMU eine Galerie
der zeitgenössischen Kunst und einen großen Ausstellungssaal, in denen
sowohl estnische als auch ausländische Kunst gezeigt wird. Im Jahr 2008
wurde das KUMU als Europäisches Museum des Jahres
ausgezeichnet. Literatur
Häufig wurde die estnische Kultur aufgrund ihrer
protestantischen Tradition eher wort- als bildbezogen betrachtet, und so
erhielt die Literatur eine besondere Bedeutung, ja sogar eine
bevorzugte Position gegenüber den anderen Kunstarten. In der heutigen
kaleidoskopischen Literaturlandschaft findet man eine Vielfalt der
Richtungen vor. Die Werke von Jaan Kross, in deren Mittelpunkt
die Geschichte und das Schicksal des estnischen Volkes stehen, sind nach
wie vor bekannt und beliebt. Ebenso wichtig ist das Schaffen des
vielseitigen Prosaisten, Dichters, Essayisten und Übersetzers
Jaan Kaplinski. In der Belletristik des letzten Jahrzehnts
riefen die Werke von Tõnu Õnnepalu ein reges Echo hervor. In
seiner Heimat ist Andrus Kivirähk zu einem der populärsten
Schriftsteller geworden, der seinen Stoff aus der teilweise seltsamen
Mythologie der Esten schöpft. Die Poesie der jungen Lyrikerin
Kristiina Ehin ist in mehrere Sprachen übersetzt worden. Aktive
estnische Jungpoeten haben sich in mehreren Gruppierungen
zusammengeschlossen. Neben der muttersprachigen Literatur hat die
übersetzerische Tätigkeit seit der neuen Unabhängigkeit sowohl bei der
Vermittlung der klassischen schöngeistigen Literatur als auch bei den
Basistexten zur Kulturgeschichte eine Schlüsselrolle übernommen. Die
Fragen der Erhaltung, Entwicklung und Veränderung der estnischen
Sprache, die von einem Volk mit nur knapp einer Million Menschen
gesprochen wird, und die Schaffung eines eigensprachigen Wortschatzes in
allen Lebensbereichen gewinnen in der heutigen immer offener werdenden
Gesellschaft stetig an Bedeutung. Dabei kommt auch dem
Kulturjournalismus, dessen Leserzahl im Verhältnis zur Einwohnerzahl
beachtlich ist, eine wichtige Rolle zu.
Theater Die estnische Theaterkunst,
deren Entwicklung sowohl die russische wie auch die deutsche Schule
beeinflusst haben, verfügt über starke Traditionen und wird vom Publikum
geliebt. Das älteste estnische Theater „Vanemuine“ in Tartu hat seine
Universalität beibehalten, da es sowohl Theater-, Musik- wie auch
Tanzaufführungen darbietet. Zu allen Zeiten haben die Nationaloper
„Estonia“ und das Estnische Dramentheater die repräsentative Rolle unter
den estnischen Theatern gespielt, jetzt gehört auch das Tallinner
Stadttheater zu den Spitzentheatern des Landes. In den letzten Jahren
ist das neue Trends in der Theaterlandschaft setzende Theater
NO99 mit seinen Großaufführungen auf breites Echo in
der Gesellschaft gestoßen. Mehr und mehr haben sich Theater und freie
Gruppen etablieren können, die alternative Aufführungsformen zeigen. Zu
einem Phänomen und zum Publikumsmagnet ist das Sommertheater geworden,
das Jahr für Jahr neue Spielplätze und Möglichkeiten für die Aufführung
von sowohl unterhaltsamen als auch ernsteren Stücken außerhalb der
üblichen Theaterräumlichkeiten entdeckt.
Film Die estnische Filmproduktion hat
in den letzten Jahren mehr und mehr Fortschritte gemacht. Auf
verschiedenen Festivals sind Filme von den Regisseuren
Veiko Õunpuu und Ilmar Raag mit Preisen ausgezeichnet
worden. Das Jahr 2010 war für den estnischen Film in den Vereinigten
Staaten von Amerika erfolgreich, wo der estnische
Nachwuchsregisseur Tanel Toom für den
Kurzfilm „Pihtimus“ (The Confession) den
Studenten-Oscar
erhielt. Für die Nachwuchsausbildung im Bereich Film sorgt die
Baltische Schule für Film- und Medien der Universität Tallinn, die als
einzige höhere Lehranstalt in Nordeuropa die Studiengänge Film und
Fernsehen in Englisch anbietet. Das
Spitzenereignis des Filmlebens ist zweifellos jedes Jahr das
internationale Filmfestival der dunklen Nächte PÖFF, das zum Treffpunkt
von Filminteressenten aus Estland und dem nahen Ausland geworden ist. Im
Jahr 2010 gewann das Festival noch an Bedeutung, da die Preis-Gala, in
deren Rahmen während des PÖFF der Europäische Filmpreis verliehen wurde,
in Tallinn stattfand. Das Gütezeichen des estnischen Films sind schon
seit Jahrzehnten die Animationsfilme, und ihr herausragendster Vertreter
Priit Pärn zählt mit seinen Zeichentrickfilmen nach wie vor
zur Weltspitze. Architektur
Ähnlich wie das geistige Umfeld hat sich binnen des letzten
Jahrzehnts auch das Lebensumfeld der Esten verändert. Architektur und
Stadtgestaltung sind im letzten Jahrzehnt zum Thema lebhafter
Diskussionen insbesondere in der Hauptstadt Tallinn geworden, wo die in
die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommene Altstadt und der neue
großstädtische Raum mit Büro- und Bankgebäuden, Hotels und
Einkaufszentren mit ihren Spiegelglasscheiben einträchtig nebeneinander
existieren. Neben der geistigen und materiellen
Umwelt nimmt die Rolle des dritten Raums, der virtuellen Realität sowohl
im Alltagsleben als auch im kulturellen Leben stetig zu. Neue
technologische Medien haben insbesondere in der Entwicklung der
visuellen Kunst ihre Spuren hinterlassen, jedoch als
Kommunikationsmittel, zum Beispiel durch Fachzeitschriften und Websites
im Internet, strahlen sie auch auf andere Bereiche der Kultur aus. Die
Mobilität und hohe Flexibilität der Kultur eines kleinen Landes zeigt
sich in der Offenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber den neuen
Möglichkeiten, ohne dass dabei die kulturelle Eigenständigkeit verloren
geht.
 
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