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Europäische Kulturhauptstadt – Tallinn 2011

01.12.2011

2011 ist Tallinn, die Hauptstadt Estlands, zur Europäischen Kulturhauptstadt ernannt worden und trägt nunmehr voller Stolz einen Titel, der vor 25 Jahren erstmals verliehen wurde, und zwar an Athen, die Wiege der Europäischen Kultur. Für uns bedeutet dieser Titel, sozusagen eine gigantische Party zu geben, die darauf angelegt ist, positive Veränderungen im kulturellen Leben, insbesondere im städtischen Raum, zu fördern. Somit handelt es sich nicht um eine Eintagsfliege – ein Einjahresfestival – sondern um die Chance, all die positive Energie, die damit einhergeht, in die Zukunft einfließen zu lassen.

 

Im Laufe des Jahres 2011 werden insgesamt etwa 7 000 kulturelle Veranstaltungen in Tallinn stattfinden. Hauptthema, das die Vielzahl von Ideen wie ein roter Faden verbindet, ist die Beziehung oder Nichtbeziehung Tallinns zum Meer. Die Lage am Meer ist beides, Segen und Fluch zugleich, weil seit jeher sowohl der Reichtum – die Europäische Kultur – als auch die fremden Invasionen über das Meer zu uns nach Estland kamen.

 

Mit der sowjetischen Okkupation (1940–1991) wurde das alltägliche Leben vom Meer hart gekappt, da die Küste, militärisch und industriell genutzt, auch im innerstädtischen Raum als verbotene Zone galt und für den Normalbürger absolut unzugänglich war. Als wir unsere staatliche Unabhängigkeit wiedererlangten, waren die Küstenareale verwahrlost, d. h. statt belebter Promenaden mit Cafés, Restaurants, kulturellen Angeboten und wunderbaren Sonnenuntergängen, fanden wir überwiegend Ödland vor. Das Jahr als Europäische Kulturhauptstadt ist die perfekte Chance, die Küste für die Bewohner Tallinns zurück zu erobern. Durch unsere Geschichten wollen wir die Küste zurück zu den Menschen bringen und sowohl den Ortsansässigen als auch den Besuchern zeigen, um wie viel schöner die Stadt sein kann, wenn die Küste Teil des alltäglichen Lebens ist. Daher der Titel unseres Kulturhauptstadt-Programms – die Geschichten der Küste.

 

Das Meer ist mit seiner poetischen, inspirativen Kraft, desgleichen als wunderbar vielfältige Kulisse für die anstehenden Veranstaltungen eine echte Bereicherung. Seit das Bedürfnis, die Verbindung zum Meer wiederherzustellen, ins Bewusstsein gedrungen ist, sind zahlreiche Projekte zur Rückführung (-nutzung) der Küstenregionen gestartet worden. Zum Beispiel wurden alte Wasserflugzeug-Hangars zum modernsten Meeresmuseum Nordeuropas umgestaltet, das im Juli 2011 eröffnet worden ist. Mit dem Hafen und dem Stadtzentrum ist das Museum durch die Promenade Kulturkilometer verbunden.

 

Für die Menschen, die mit der estnischen Kultur noch nie in Berührung gekommen sind, bot das Tanz- und Sängerfest der Jugend Anfang Juni die Chance, sozusagen einen Blick in die estnische Seele zu werfen. 30 000 Kinder auf der Bühne und 100 000 Zuschauer singend zu erleben, vermittelt dem Besucher einen Eindruck der friedlich verlaufenen singenden Revolution, die uns vor 20 Jahren zur Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit verholfen hat. Die nahezu 150 Jahre währende Sängerfest-Tradition ist eine der bedeutendsten Stützen der estnischen Identität und somit eine maßgebende Veranstaltung im Gesamtprogramm. Die Sängerfest-Tribüne war auch der Austragungsort für das internationale Rock- und Popkonzert „Lied der Freiheit“, mit dem am 20. August 2011 der 20. Jahrestag der Unabhängigkeit gefeiert wurde.

 

Einige der größten Veranstaltungen des Kulturhauptstadtjahrs sind:

 

  • Das NO99 Strohtheater  Installation, öffentlicher Raum und Austragungsort zugleich, speziell erbaut für das Kulturhauptstadtjahr. Das Strohtheater lädt die Menschen ein, einen konsumfreien öffentlichen Raum zu genießen; es ist Stätte für zahlreiche bekannte Gegenwartskünstler mit ihren Stücken sowie Raum- und Klanginstallationen. 
  • 60 Sekunden Einsamkeit im Jahr Null – ein einmaliges Event in der Bucht von Tallinn im August 2011. In der Open-Air-Vorstellung in voller Spielfilmlänge wurden die eigens für die Veranstaltung gedrehten und nur eine Minute dauernden Filme von Regisseuren aus aller Welt vorgeführt. Während der Vorstellung wurde direkt vor den Augen der Zuschauer die einzige Kopie des Films verbrannt. Jede Szene verschwand also von der Leinwand und ging sozusagen in die Ewigkeit ein, ebenso wie eine Sekunde einer Minute oder ein Moment eines Lebens verloren geht. 
  • Design-Nacht 2011 – Bedürfnisse der Menschen als Katalysator für Veränderung. Die hochkarätig besetzte Design-Nacht demonstriert die spezielle Natur des estnischen Designs und führt in die Arbeiten der Designer ein. Eine Ausstellung zu Geschichte und Innovation des estnischen Designs, eine Auktion, diverse Wettbewerbe, spannende Veranstaltungen in den städtischen Galerien sowie größere Modenschauen an den Wochenenden werden Publikumsmagneten für jeden sein, der sich für Design interessiert. 

Den Titel Europäische Kulturhauptstadt teilt sich Tallinn mit der finnischen Stadt Turku. Zum ersten Mal liegen zwei Europäische Kulturhauptstädte geografisch und kulturell so eng beieinander. Viele Projekte sind so ausgelegt, dass sie beide Städte umfassen, so zum Beispiel das Theaterprojekt Karamazov Workshop. Der Workshop wird von Kristian Smeds, dem zurzeit bedeutendsten und mutigsten finnischen Theaterregisseur, durchgeführt. Sein sehr persönlicher und an Überraschungen reicher Zugang zur Klassik bedarf eines neuen, flexiblen Schauspielertypus´, genau desjenigen, wie er am „Von Krahl Theater“ in Tallinn gefördert und gefordert wird. Die beiden Teams werden ihre Kräfte auf Dostojewskis komplexestes und gewichtigstes Werk bündeln – mit Sicherheit eine Produktion, die man nicht missen möchte.

 

Die Europäische Kulturhauptstadt bietet auch die Möglichkeit zu internationaler Kooperation. Tallinn wird das Cityrama-Festival aus den Vereinigten Staaten, SIGNA aus Dänemark, das Punkt-Festival aus Norwegen sowie Künstler, Musiker und Schauspieler aus Deutschland, Frankreich, England, Österreich, Russland, Spanien, den USA, China, Georgien, Lettland und vielen anderen Staaten willkommen heißen, die uns ihre Ideen mitbringen und, so bleibt zu hoffen, ein Vielfaches an Inspiration mit nach Hause nehmen.

 

Die besten Geschichten Europas werden 2011 in Tallinn erzählt!

Maris Hellrand

Stiftung Tallinn 2011

www.tallinn2011.ee

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