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Sport 2009

06.01.2009

Wir Esten sind in den siebzehn Jahren unserer Selbstständigkeit reicher und selbstbewusster geworden, aber auch der Individualismus und die damit einhergehenden Übel wie z. B. Skrupellosigkeit und Gleichgültigkeit haben zugenommen. Die besten Mittel, um diese Übel zu überwinden, sind gemeinsame Erlebnisse sportlichen Erfolgs. Erreicht ein Landsmann in Sportarenen etwas Außergewöhnliches, so weht ein Meer blau-schwarz-weißer Fahnen, treten Meinungsverschiedenheiten und interne Unstimmigkeiten in den Hintergrund, und unser Volk verspürt einen besonders starken Zusammenhalt.

Reichlich positive Emotionen und große Siegesfreude haben den Esten einige Olympische Spiele der letzten Zeit verschafft.

Bei der Winterolympiade in Turin 2006 wurde die fünfzehnjährige beharrliche und kluge Arbeit unserer Skilangläufer gekrönt. Bereits im Vorfeld der Olympischen Spiele hatten die Sportler Kristina Šmigun, Andrus Veerpalu und Jaak Mae bei den Skiläufern Norwegens, Schwedens, Finnlands, Deutschlands und Russlands große Aufmerksamkeit erregt. So erklang in Turin drei Mal die estnische Hymne zu Ehren unserer Olympiasieger, und dies war deutlich mehr als in unseren kühnsten Träumen erhofft.

Kristina Šmigun wurde mit ihren zwei Goldmedaillen zur Heldin der Spiele. Die aus einer Skiläuferfamilie stammende Estin war in Wintersportkreisen bereits seit zehn Jahren bekannt, aber bei den wichtigsten Wettkämpfen - auf Olympiaden - war bei ihr stets etwas schief gelaufen. Nun aber strahlte Šmigun vor Glück. Der Siegeszug setzte sich bereits einen Tag nach dem zweiten Sieg von Šmigun fort, als Andrus Veerpalu seine Medaillensammlung mit einer zweiten Goldmedaille vergrößerte.

Die Nachrichtenagenturen der Welt äußerten sich verblüfft, dass Einwohner der südestnischen Kleinstadt Otepää drei Goldmedaillen erkämpften – mehr als Norwegen, Finnland, Russland und Deutschland. Andrus Veerpalu, der bei der Winterolympiade in Salt Lake City 2002 sowohl eine Gold- als auch eine Silbermedaille gewonnen hatte, wurde damit zugleich zum erfolgreichsten Olympioniken der estnischen Sportgeschichte. Die sportliche Leidenschaft des Vaters von vier Kindern ist jedoch ungebrochen: Auch bei der Winterolympiade 2010 in Vancouver will er wieder an den Start gehen.

Bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 wurde der Diskuswerfer Gerd Kanter zum Olympiasieger gekürt. Er stieg in die Weltklasse dieser Disziplin bereits ein Jahr zuvor auf, als er 2007 in Osaka Weltmeister wurde. Das nächste Ziel Kanters ist es, einen neuen Diskus-Weltrekord aufzustellen. Die persönliche Bestleistung des besten Leichtathleten Estlands der letzten Jahre stellt zugleich den drittbesten Diskuswurf aller Zeiten weltweit dar.

Bei der olympischen Ruder-Regatta wurde die langjährige Arbeit der estnischen Ruderer gebührend ausgezeichnet. Bei seinen sechsten Olympischen Spielen in Peking holte Jüri Jaanson gemeinsam mit Tõnu Endrekson eine Silbermedaille im Doppelzweier, in Athen 2004 erkämpfte sich Jaanson im Ruder-Einer eine Silbermedaille. Den Trophäenschrank von Jüri Jaanson sowie Tõnu Endrekson schmücken zudem einige Medaillen von Weltmeisterschaften. Seinen ersten Weltmeistertitel errang Jaanson, der auf eine lange Sportlerkarriere zurückblicken kann, bereits im Jahr 1990.

Nach Erki Nool, der in den 90er Jahren am meisten dazu beigetragen hat, den estnischen Sport in Europa bekannt zu machen und der im Jahr 2000 in Sydney Olympiasieger im Zehnkampf wurde, stiegen auch andere estnische Leichtathleten in die Weltklasse auf: Andrus Värnik, der Speerwurf-Weltmeister 2005, und der Diskuswerfer Aleksander Tammert, der in Athen 2004 die Bronzemedaille gewann.

Auch weitere begabte estnische Leichtathleten streben an die Weltspitze. Margus Hunt, der bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Peking 2006 sowohl den Diskuswurf als auch den Kugelstoßwettbewerb gewann, wurde im selben Jahr bei den unter 20-jährigen Leichtathleten zum Besten der Welt gewählt. In Peking gewannen auch Kaire Leibak im Dreisprung und Marek Niit im 200-Meter-Lauf eine Goldmedaille. Die Chinesen waren über den Erfolg der Esten erstaunt und äußerten, dass Estland in der Leichtathletik ein großes Land sei.

2008 war ein erfolgreiches Jahr für das estnische Tennis. Unsere beste Tennisspielerin Kaia Kanepi erreichte bei den French Open als zweiter estnischer Tennisspieler aller Zeiten das Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers. Vor 43 Jahren gelang dasselbe  Toomas Leius, der damals zur Tennis-Weltspitze gehörte, dessen Teilnahme an Wettkämpfen im Ausland aber durch die von der Sowjetunion den Sportlern auferlegten Einschränkungen behindert wurde. Die estnische Sportöffentlichkeit hofft, dass Kaia Kanepi ihren Erfolg bei den großen Turnieren in den nächsten Jahren fortsetzen wird. Ende 2008 erreichte Kanepi ihr bisher höchstes WTA-Ranking – sie  gehört nun in der Weltrangliste zu den 30 besten Tennisspielerinnen.

Als die Esten am Anfang des 20. Jahrhunderts sich sehnlichst wünschten, die Macht des zaristischen Russlands abzuschütteln, wurden ihre Freiheitsideale von Dichtern und Künstlern lebendig gehalten. Eine bedeutende Rolle spielten aber auch unsere Athleten mit Georg Lurich an der Spitze. Während der ersten Phase der Unabhängigkeit waren unsere berühmtesten Sportler Ringer, allen voran Kristjan Palusalu. Der einer Bauernfamilie entstammende sympathische Sportler gewann im Jahr 1936 bei den  Olympischen Spielen in Berlin zwei Goldmedaillen sowohl im griechisch-römischen Ringkampf als auch im Freistilringen. Die glanzvolle Tradition unserer Ringer währte bis Anfang der 50er Jahre.

Im Herbst 2006 ging unverhofft ein neuer Stern am Ringerhimmel auf: Heiki Nabi wurde in China Weltmeister im Schwergewicht des griechisch-römischen Ringkampfes. Schon wird in dem 20-jährigen jungen Mann der Klon von Palusalu gesehen: Auch er stammt aus der Landbevölkerung und tritt zurückhaltend und besonnen auf.

Estnische Motosportenthusiasten fieberten über Jahre hinweg mit dem Rallyefahrer Markko Märtin und dessen englischem Kartenleser Michael Park. Im Jahr 2002 wurden sie ins Ford-Team aufgenommen und bereits in der nachfolgenden Saison wurden Märtin und Park zu deren Teamleadern.

Märtin und Park bildeten ein ideales Gespann und wurden enge Freunde. Der Brite glaubte, dass sein estnischer Partner in der Lage sei, um den WM-Titel mitzukämpfen. Jedoch im Herbst 2005, als das Rallyegespann eine fast perfekte Zusammenarbeit erreicht hatte, geschah auf den Straßen von Wales ein tragischer Unfall. Märtin kam vom Weg ab und sein Kartenleser verunglückte tödlich. Zu Ehren des Briten wurde in Tallinn ein Denkmal errichtet und seither werden zu seinen Ehren Gedenkwettkämpfe veranstaltet. Sein Zusammenspiel mit Märtin war fast perfekt, was ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit der Europäer darstellt.

Heute wird die Zusammenarbeit zwischen Estland und Großbritannien in einer anderen Art des Automobilsports fortgesetzt, denn Marko Asmer hat im Jahr 2007 im englischen Team HiTech den Meistertitel in der britischen Formel-3 gewonnen. Diese Formel diente bereits für viele heute berühmte Formel-1-Fahrer als Sprungbrett. Im Jahr 2008 kam Marko Asmer als erster estnischer Rennfahrer zum Formel-1-Karussell, da er als Testfahrer des BMW-Sauber-Teams verpflichtet wurde.

Im Judo waren Indrek Pertelson und Aleksei Budõlin international sehr erfolgreich – sie gewannen bei der Sommerolympiade 2000 in Sydney jeweils eine Bronzemedaille, Indrek Pertelson wiederholte seinen Erfolg bei der Olympiade 2004 in Athen.

Die Sportwelt muss von allen nationalen, politischen, religiösen und rassischen Vorurteilen frei sein. Fans, die in jede Ecke der Welt reisen, um ihre Lieblinge zu unterstützen, werden zum Respekt gegenüber den Sportlern anderer Nationen angehalten, und dieses Ideal halten wir hoch. Die Kleinstadt Otepää im malerischen Südestland, der Austragungsort der Wettkämpfe im Skilanglauf, ist einmal im Jahr voller ausländischer Sportenthusiasten, wenn hier der Weltcup im Skilanglauf durchgeführt wird. Genauso wie in Holmenkollen in Norwegen, in Falun in Schweden und in Lahti in Finnland kann man hier die Flaggen vieler Nationen sehen. Otepää ist ein besonderer Ort, denn hier kann man miterleben, wie die Einheimischen nicht nur ihre eigenen Sportler ermuntern und unterstützen.

Der Skilanglauf hat für uns Esten eine besondere Bedeutung. In den schneereichen Wintern ist das Skilaufen ein Vergnügen für die ganze Familie. Den Kulminationspunkt der Skisaison stellt der 60 Kilometer lange Tartuer Marathon dar, der für tausende Skiläufer eine große Herausforderung ist, um ihre körperliche Verfassung auf dieser schweren Strecke auf die Probe zu stellen. Der Tartuer Skimarathon ist Bestandteil der internationalen Worldloppet-Serie. Im Jahr 2007 nahmen zum Beispiel Sportler aus 23 Ländern daran teil.

Sport bewegt nicht nur Menschen, sondern hat auch einen festen Platz bei der Förderung internationaler Freundschaft und Zusammenarbeit. Daher sind wir Esten glücklich und stolz, dass der Erfolg unserer Sportler auch für den Prozess der Verbesserung zwischenstaatlicher Beziehungen eine bedeutende Rolle spielt. 

Andrus Nilk
Sportjournalist

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