Die Geschichte der estnischen Sprache

26.08.2004
Erster Akt: Die finno-ugrische Christen
Estland ist ein Grenzgebiet, wo der Westen den Osten trifft und das den Trägern der finno-ugrischen Kultur gehört.
Ein paar Tausend Jahre haben hier lebende Esten auf zwei Dialekte gesprochen: dem Nord- und Südestnischen. Die Unterschiede waren beachtlich, etwa wie Spanisch und Portugiesisch, einige sind bis heute erhalten geblieben Der heutige Name für Estland in estnischer Sprache, "Eesti", wurde von den skandinavischen Völkern geprägt, die die östlich der skandinavischen Halbinsel lebende Stämme "esti" genannt haben. Im Jahre 98 n. Cr. hat Tacitus in seinem Werk "Germania" eine etwas andere Version des Wortes "aestii" benutzt. Das Wort "Eesti" als Bezeichnung für das Land, kam im 19. Jahrhundert durch das hier lebende Volk ins Gebrauch.
Während des 13. Jahrhunderts wurde Estland vom Deutschen Orden erobert, die auch das Christentum gebracht haben. Das ursprünglich heidnische Volk hat dieses aber anfangs nur formell angenommen. Ein Teil des Ordens ist auf diesen Gebieten gebliebern, was zur Folge hatte, dass sich in Estland nun zwei verschiedene Gesellschaftsgruppen gebildet haben, einerseits die deutschen Ritter und andererseits das einheimische Bauernvolk. Heute kann man bei etwa einem Viertel der Wörter in der modernen estnischen Sprache niederdeutsche Wurzel nachweisen. Die Esten haben die fremden Einflüsse auf ihre Sprache erfolgreich aufgenommen, haben aber trotzdem ihre finno-ugrische Sprachwurzel nicht verloren. Mit der Zeit haben sich Elemente der estnischen Sprache mit dem von den Aristokraten gesprochenen Niederdeutsch vermischt und somit eine baltendeutsche Sprache kreiert.
Zweiter Akt: Vom Erwachen des Schriftlichen
Während die Kultur Europas auf schriftlichen Texten und Quellen basiert, ist der Basis der finno-ugrischen Kultur die mündliche Ausdrucksform, die Sprache. Estland lag schon damals auf geopolitisch wichtigen Kreuzwegen, zwischen mächtigen Staaten wie Deutschland, Dänemark, Russland, Schweden und Polen, unter all denen Herrschaft Estland auch eine Zeit lang stand. Die Esten haben sich mit der Zeit auf permanente Umgebenheit mit einer Vielzahl von fremden Sprachen und Kulturen gewohnt.
Die Nachfrage nach einer geschriebenen Form der estnischen Sprache kam zuerst seitens ausländischer Geistlichen. 1523 hat die Reformation Estland erreicht und demzufolge war das erste bekannte Buch in estnischer Sprache, gedruckt 5125 in Lübeck, protestantischen Inhalts. Das erste Buch aus der Zeit, das heute noch vorhanden ist, ist der Katechismus von Wanradt-Koell vom 1535.
Die Reformation hat Estland dermaßen schnell durchdrungen, dass die Katholiken als Reaktion darauf aus Tartu ein "Florenz des Norden" schaffen wollten. Dadurch sollte die Umgebung katholisch geprägt werden. Diese große Vorhaben wurden aber wegen der damals schwachen Stellung der katholischen Kirche nie erfüllt. Dennoch hat dieser religiöse Schock für einige weltliche Veränderungen gesorgt: 1632 hat der damalige König von Schweden, Gustav II Adolf in Tartu, im Gebäude, wo damals eine Schule der Jesuiten drin war, die berühmte Universität von Tartu eröffnet.
Im Jahre 1710 hat Russland Estland erobert. Die Lebensumstände wurden zwar schlechter, aber das Bemühen um die Bildung und Fortführung der Kultur gingen fort.
Die erste wöchentlich erscheinende Zeitschrift in estnischer Sprache für eine breitere Leserschaft war "Lühike Õpetus", die zum ersten Mal 1766 erschienen ist. Dazu kam 1980 die weltweit erste regelmäßig erscheinende Zeitung über Landwirtschaft "Tartu Maarahva Leht".
Zu der Zeit war die Lese- und Schreibfertigkeit unter der Bevölkerung Estlands eine der höchsten in Europa, mit 70-80% der Bevölkerung in 1850-er. Die Zentralmacht in Russland sah die immer breiter werdende Aussichten des estnischen Volkes als eine Gefahr für die Führung Estlands, indem Russlands Ansprüche auf die Macht ins Gefahr hätten geraten können.
Dritter Akt: Von der Kulturautonomie zur Unabhängigkeit
Die Zivilgesellschaft hat sich während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasch weiterentwickelt. Ein kulturelles Netzwerk aus Bildungsvereinen, Blaskapellen, Chören und Bürgerinitiativen ging durch das ganze Land. Sowohl die Zahl der Ausgaben verschiedener Zeitungen als auch die Auswahl an sich hat sich rapide erhöht, wobei unter der Leserschaft auch viele Landwirte waren. Bei einer Bevölkerung von rund 760 000 Menschen auf dem Lande hat die Redaktion einer beliebten Zeitung "Sakala" 1880 auf 713 Leserbriefe allein von Landwirten geantwortet.
Die Nationalbewegung Estlands musste vorsichtig zwischen den russischen Machtträgern und den baltendeutschen Siedler balancieren, wobei die ersteren dauernd versucht haben, die Esten zu Russen und die letzteren zu Deutschen zu machen.
Der Wegweiser der Bürgerbewegungen in Estland war der Glaube an die eigene Muttersprache. Estnisch als Sprache sollte ein mächtiges Kommunikationsinstrument sein, ferner die eine bessere Bildung und höheren kulturellen Selbstbewusstsein ermöglichen. Daher konnten die Esten, mit Hilfe ihrer "geheimen" Sprache, die Aufmerksamkeit sowohl der Russen, als auch der Deutschen vom Baltikum fernhalten, bis das estnische Volk endlich stark genug war um 1918 die Unabhängigkeit zu erlangen.
So wurde die estnische Politik geboren.
Geschrieben für das Außenministerium von Mart Meri, Linguist und ehemaligen Parlamentsabgeordneter
Weitere Infos: Das Estnische Institut
 
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