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Rede von MP Juhan Parts aus Anlass der Rückkehr des Gemäldes "Johannes der Täufer" in die Bremer Kunsthalle am 24. März 2004

14.06.2004

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrter Herr Senatspräsident,
meine Damen und Herren!

Die Welt ist für einen Menschen, der etwas über sie wissen will, niemals zu groß. Vor fast eintausend Jahren schrieb der Bremer Domherr Adam die Chronik „Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum“. Das war im Zeitalter der Wickinger. In dieser Chronik von Adam finden wir sowohl etwas über unsere Vorfahren an der östlichen Ostseeküste als auch über Vinland, das ja Albrecht Dürers Zeitgenosse Christoph Kolumbus 400 Jahre später aufs Neue entdecken musste und Amerika nannte. Unsere Völker haben also fast schon eintausend Jahre in einem Nebeneinander gelebt und unsere heutige Begegnung ist ein Teil davon, wie auch die 1578 erschienene und dem Bremer Bürgermeister und den Bremer Ratsherren gewidmete Chronik des bedeutenden Bürgers von Tallinn, Balthasar Russow, ein Teil davon ist. Russow schrieb u.a., dass die ehrwürdige Stadt Bremen Mutter vieler livländischer Städte und Burgen gewesen sei und fast für das gesamte Livland (Anm.: historischer Ländername, der das Territorium des heutigen Mittel- und Südestland und Nordlettland umfasste) Pate gestanden und neben dem lieben Gott die Kinder dieses Landes vom Heidentum zum Christentum …… geführt habe (s. näher: http://hbar.phys.msu.su/gorm/chrons/bremen.htm).

Meine Damen und Herren,
Ich habe gemeinsam mit Ihnen die große Ehre bei der Heimkehr des „Heiligen Johannes“ zugegen zu sein. Wir wissen nicht, wo sich das Gemälde in der Zwischenzeit, d.h. nachdem es von der Roten Armee als Kriegsbeute verbracht und bis zu seiner Sicherstellung durch den estnischen Zoll und seiner Übergabe an das estnische Kunstmuseum, tatsächlich befunden hat. Ich möchte über die Direktorin des estnischen Museums für Ausländische Kunst, Frau Kadi Polli, nochmals den Mitarbeitern des Museums, die die Herkunft des Bildes ausfindig machten und seine Rückgabe an Bremen in die Wege leiteten, den Dank der Republik Estland aussprechen. Estland ist ein Rechtsstaat und hält unbeirrt an den Grundsätzen der Restitution des Eigentums fest. Ich hoffe, dass dies auch alle anderen tun werden und dass Kunst- und Kulturschätze, die sich jetzt noch in der Fremde befinden, schon bald genauso zurückkehren können wie heute Dürers „Täufer Johannes“.
Albrecht Dürer ist nie in Estland gewesen. Jedoch gab es Berührungspunkte mit Estland/Livland. 1521 malte er drei Aquarelle von livländischen Frauen. Überlassen wir es den Kunsthistorikern, Licht hinter das Wie und Warum zu bringen. Diese drei Bilder hängen heute im Louvre.
Die Schaffensperiode von Albrecht Dürer fällt in die Zeit der Renaissance, einer Art Wiedergeburt. Nach eintausend Jahren war Europa begriffen, in der Größe der Antike wiederzuerstehen. Jedoch das Dürerische Europa beschränkte sich nicht nur auf den Mittelmeerraum, auf Germanien und Britannien: In dieses Europa waren auch die Küsten rund um die Ostsee herum eingeschlossen, so wie Bremen, Stockholm und Tallinn/Reval. Heute leben wir wieder in einem Zeitalter der Wiedergeburt: Nach mehr als 50 Jahren der Abspaltung wird Europa wieder Eins werden und stärker als je zuvor sein. Und die Rückkehr von Dürers „Johannes der Täufer“ ist ein Teil der Wiederherstellung der Selbstverständlichkeit europäischer Werte. Und zwar ganz genau der Selbstverständlichkeit, denn die Werte an sich verschwinden nirgendwohin. Diese haben Jahrhundete im europäischen Zusammenwirken durch tausende Kontakte zwischen den Ostseestädten bestanden, sie wurden von tausenden estnischen und livländischen Studenten getragen, die einst und jetzt an deutschen Universitäten studiert haben und studieren. Alle diese Werte haben uns auch in den schwersten Zeiten nicht erlaubt zu vergessen, wohin wir gehören.

Herr Bundeskanzler,
ich möchte Ihnen und in Ihrer Person Deutschland für die politische Unterstützung und effiziente Hilfe in der Zeit, als Estland anstrebte, der EU und der NATO beizutreten, danken. Wir wissen, dass ohne den Beitrag Deutschlands weder die Erweiterung der EU noch der NATO zustande gekommen wäre.
Heute haben wir diese Ziele erreicht und werden weiter voranschreiten. Heute liegt die Frage nicht mehr nur in Europa, sondern in der sich rasch verändernden Welt. Estland ist mit Deutschland einer Meinung, dass eine Schlüsselfrage der Entwicklung Europas der Anstieg unserer globalen Wettbewerbsfähigkeit ist. Mein Besuch der Universität Bremen bestätigte die Überzeugung, dass der Schlüssel für ein Wirtschaftswachstum in der Wissenschafts- und Forschungsarbeit liegt. Wir müssen lernen, das uns bereits zur Verfügung stehende akademische Potential besser auszunutzen. Ich hoffe, dass die estnischen Universitäten und die estnischen Wissenschaftler mit ihren Fähigkeiten und Erfahrungen ein vollwertiges Mitglied in der europäischen Wissenschaftsgemeinde werden.
Hier in Bremen ist es mir eine besondere Freude, dass die estnischen Hansestädte mehr und mehr in das heutige Netz der Zusammenarbeit zwischen den europäischen Hansestädten eingebunden werden. Und das ist ganz natürlich, denn Estland hat seinen angestammten Platz unter den Staaten Europas eingenommen. Und wie heißt es doch in einem bei uns bekannten Lied: Nicht ein einziges Land wird allein bleiben. Und wir meinen, in unserem gemeinsamen Interesse ist es unumgänglich, die regionale Zusammenarbeit auf eine völlig neue Ebene zu bringen. Estland freut sich sehr darüber, dass Deutschland als unser Partner in der EU dabei ist, seine historischen Verbindungen in der Ostseeregion wiederzubeleben und auszubauen.

Arbeitsübersetzung:
Mell/Relve
Deutsche Botschaft
Tallinn

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