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Rede von Herrn Dr. Ulf Lange, Honorarkonsuln der Republik Estland in Hamburg, am 26. Februar 2008 anlässlich des 90. Jahrestags der Republik Estland

26.02.2008

Sehr geehrter Herr Botschafter Dr. Kull, sehr geehrter Herr Weihbischof Dr Jaschke sehr geehrter Herr Doyen, liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Konsularkorps, meine Damen und Herren!

Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind, um mit mir den 90-jährigen Geburtstag der Republik Estland zu feiern. Wie bei jedem runden Geburtstag üblich, soll eine kleine Rede das Geburtstagskind angemessen würdigen. So soll es auch heute sein.

Es gibt sie, die Sternstunden der Menschheit. Diese von Stefan Zweig beschriebene kurze Zeitspanne, in der entschlossenes Handeln oder kleinliches Zaudern über Glück oder Unglück von Völkern entscheiden kann.

Eine solche Sternstunde bot sich Konstantin Päts am 24. Februar 1918, als er nach dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches und des russischen Zarenreiches die Unabhängigkeit der Republik Estland proklamierte.

Doch nicht immer folgt auf eine solche Sternstunde auch ein dauerhaftes Glück. Das traf auch für das Schicksal der jungen Republik Estland zu, denn schon bald begannen die zum Stalinismus und zum Nationalsozialismus mutierten russischen und deutschen Staaten sich um Macht und Einfluss im Osten Europas zu streiten, was schließlich zum Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes mit seinen geheimen Zusatzprotokollen führte, der das Baltikum in die Einflusssphäre der Sowjetunion stieß und die Völker Litauens, Lettlands und Estlands der brutalen Unterdrückung Stalins und seiner Schergen auslieferte.

Im zweiten Weltkrieg drohte das Volk der Esten zwischen Deutschland und der Sowjetunion zerrieben zu werden. Viele Esten verloren ihre Heimat, wurden verschleppt, liquidiert und starben bei erzwungenen unmittelbaren Kriegshandlungen in der Armeen Russlands und Deutschlands.

So wurden von der sowjetischen Besatzungsmacht von 1941 an rund 200.000 Esten verhaftet, deportiert und getötet. Alles mit dem Ziel, die Widerstandskraft der Esten zu brechen und die nationalen Wurzeln zu vernichten. Trotz des Terrors der Sowjetunion gelang es den Besatzern aber nicht, das kulturelle Erbe der Esten und das Bewusstsein zu zerstören, zum westlichen Teil Europas zu gehören. Anders als dem westlichen Europa brachte das Ende des Zweiten Weltkrieges den Esten weder den ersehnten Frieden, noch die staatliche Souveränität.

Doch, wie schreibt Hölderlin: „Wo die Not groß ist, da wächst das Rettende auch“. Und die Not für die estnische Nation und ihre Bevölkerung war groß und das Rettende wuchs nur langsam, fast unmerklich und brauchte Generationen. Doch, wie schrieb Sieburg in seinem „Napoleon, die 100 Tage“: „Der Sand, der durch die Uhr der Zeit rinnt, ist aus unserer Asche gemacht“. Und so dauerte der Zustand der Unfreiheit und der Unterdrückung an, und nur noch wenige wagten, darauf zu hoffen, dass die Souveränität Estlands wieder erlangt werden könne.

Aber das Rettende wuchs und nur wenige erkannten die weltpolitischen Dimensionen dieser Entwicklung. Da gab es in den Vereinigten Staaten von Amerika den Präsidenten Ronald Reagan, der mit einem gigantischen Rüstungsprogramm den Ostblock herausforderte, ihn schwächte und ihn schließlich wirtschaftlich ausbluten ließ.

Dann wurde im Jahr 1978 der polnische Erzbischof Wojtila zum Papst gewählt. Seine erste Auslandsreise führte ihn nach Polen, wo er seinen Landsleuten zurief: „Habt keine Angst“, und so den charismatischen Arbeiterführer Lech Walesa. den Elektriker der Leninwerft in Danzig und dessen Mitstreitern die geistig moralische Kraft gab, Solidarnosc zu gründen, die erste freie Gewerkschaft innerhalb des Ostblocks. Das war 1980.

Und dann gab es den Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow. der den letztlich zum Scheitern verurteilten Versuch unternahm, das System des Kommunismus durch „Perestroika“ (umgestalten) und „Glasnost“ (Transparenz) zu reformieren. Er hatte die Vorstellung einer geistig moralischen Erneuerung des Sozialismus, in dem die Informations-, Rede- und Pressefreiheit gewährleistet und zugleich die Demokratisierung durch die Trennung von Staat und Partei gesichert werden sollte.

Wie wir heute wissen, musste er mit diesem Vorhaben scheitern. Der Monolith, der „Ostblock“, hatte aber tiefe Risse bekommen und stand kurz davor, in Staub zu zerfallen — ohne dass dieses vom Westen erkannte wurde.

Auch in anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks begannen die Menschen über die neuen Freiheiten zu diskutieren. Im Schicksalsjahr 1989 überschlugen sich die Ereignisse. Viele Bürger der DDR versuchten, via Ungarn in den Westen zu gelangen und es geschah ein Wunder: am 11. September 1989 beschloss die Regierung Ungarns, die Grenzen nach Westen zu öffnen, um damit den Bürgern der DDR die Ausreise zu ermöglichen.

Dieses Fanal, diese Sternstunde der Menschheit, vergleichbar mit dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789, löste wie diese eine Kettenreaktion aus, nur dass sie nicht, wie damals, in einer Orgie der Gewalt und des Blutrausches mündete. Und auch das war ein Wunder.

In Estland, Lettland und Litauen kämpften die Menschen für ihre nationale Unabhängigkeit. 300.000 Menschen trafen sich am 11. September 1988 zu einem Sängerfest in Tallinn Sie stimmten vaterländische Lieder an und demonstrierten so auf friedlichem Wege singend für ihre nationale Unabhängigkeit. Diese Bewegung, auch „Singende Revolution‘ genannt, rief im August 1989 die Bewohner Estlands, Litauens und Lettlands, zu einer gewaltigen Demonstration auf, den BaItischen Weg“. 1 Mio Menschen bildeten eine friedliche Menschenkette von Tallinn bis Vilnius, um am 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes dessen Annullierung zu fordern. Am 20. August 1991 erklärte das estnische Parlament die Unabhängigkeit der Republik Estland und knüpfte damit unmittelbar an die Souveränitätserklärung vom 24. Februar 1918 an. Wieder eine Sternstunde Estlands. Im September 1991 erfolgt die Anerkennung Estlands durch Russland.

Dennoch, leicht waren die ersten Jahre nicht. Die Probleme waren riesengroß. Die galoppierende Inflation musste gestoppt werden, die einseitige Ausrichtung des Handels und die totale Abhängigkeit Estlands von den Energielieferungen Russlands mussten verändert, staatliche Strukturen aufgebaut und nationale Gesetze beschlossen werden. Alles das ist gelungen.

Aber der russische Bär blieb launisch und beäugte argwöhnisch das Bestreben Estlands und der beiden anderen baltischen Staaten, in die Europäische Union und die Nato aufgenommen zu werden. Auch diese prioritären Ziele Estlands wurden am 1. Mai 2004 erreicht. Estland wurde Mitglied der Europäischen Union und der Nato.

Am 25. Februar 1994 gab ich für den ehemaligen Präsidenten der Republik Estland, Lennart Meri, einen Empfang im estnischen Honorarkonsulat. Nach einer kleinen Ansprache habe ich ihn gefragt, „wer hat tatsächlich die Macht in Russland und wohin wird sich dieses Reich entwickeln?“. Er lächelte mich an und seine Brille blitzte. Dabei erinnerte er mich an Dumbledore, den Leiter der Zaubereischule Hogwarts aus den Harry Potter Romanen und er sagte: „Ich kann die Zukunft Russlands nicht voraussagen. Das Land ist ein Rätsel in einem Mysterium, in Dunkel gehüllt“. Ich muss ihn etwas verdutzt angesehen haben, dann fügte er hinzu: „Das war ein Zitat von Winston Churchill aus dem kalten Kriegswinter des Jahres 1940“.

Was Lennart Meri aber wirklich meinte, hörten am Abend die Gäste des Matthiae-Mahls, deren Ehrengast der Präsident war. Unter den Gästen waren auch der russische Generalkonsul und der stellvertretende Bürgermeister von Sankt Petersburg, der Partnerstadt Hamburgs.

In seiner Rede warnte der Präsident Lennart Meri den Westen vor einer möglichen neo-imperialistischen Politik Russlands und forderte die westlichen Demokratien auf, entschlossen zur Stabilität und Sicherheit der mittleren und kleinen Staaten östlich der deutschen Grenzen beizutragen. Dieses werde sich beispielgebend auf den russischen Raum auswirken. Es sei daher unerlässlich, Estland und die beiden anderen baltischen Staaten fest im Westen zu verankern. Würden aber diese Staaten sich selbst überlassen und ungeschützt einem möglichen neo-imperialistischen Appetit Moskaus ausgesetzt werden, dann müßte Europa hierfür einen hohen Preis zahlen. Der Präsident führte weiter aus, er handele nach dem in deutscher Sprache am Tallinner Rathaus eingemeißelten Spruch: „Fürchte Gott, rede die Wahrheit, tue Recht und scheue Niemand‘.

Nachdem Lennart Meri dieses ausgesprochen hatte, veiließ ein Gast ostentativ mit festem Schritt – allerdings die großen Flügeltüren des Saals leise schließend - den Festsaal, was, so wird erzählt, noch nie vorgekommen sein soll. Es war der stellvertretende Bürgermeister von St. Petersburg, Wladimir Putin, der heutige Präsident Russlands. Der Generalkonsul von Russland in Hamburg ist ihm dann gefolgt – vor der Hauptspeise, wie er später bedauernd einräumte.

Estland hat zwar seine politischen Hauptziele, den Beitritt zur Europäischen Union und zur Nato erreicht, die Nachbarschaft zu Russland ist aber nach wie vor nicht spannungsfrei. Das zeigen die Vorfälle im Zusammenhang mit der Verlegung des sowjetischen Kriegerdenkmals aus der Innenstadt von Tallinn auf einen außenliegenden Friedhof. Und so müssen wir auch künftig hoffen, dass es einer klugen und konsequenten Diplomatie immer wieder gelingt, das Verhältnis Estlands zu Russland geschickt auszubalaricieren.

Ich wünsche Estland alles Gute zum 90. Geburtstag und schließe mit dem lateinischen Satz: vivat, crescat, floreat Estonia.

Meine Damen und Herren: Sie hören jetzt die Nationalhymne der Republik Estland.

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