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Selge heißt "Alles klar"

24.11.2011

Der Schauspieler Edgar Selge lernte 2010 bei Dreharbeiten das ländliche Leben in Estland schätzen

Drei Monate hat er in Estland gelebt, an der Westküste. Im Film “Poll” von Regisseur Chris Kraus spielte er Ebbo von Siering, einen genialischen Arzt und Hirnforscher mit komplizierter psychischer Struktur. Er machte es den Seinen in der schwierigen Zeit am Vorabend des Ersten Weltkriegs nicht gerade leicht. Doch die Rolle des Gutsbesitzers war ihm wie auf den Leib geschnitten, Edgar Selge ist ein Spezialist für “schräge” Figuren mit schwer durchschaubarem Charakter.

Das zeigt seine ganze umfangreiche Filmografie. Er wurde bekannt durch die populäre Serie “Münchner Polizeiruf”, spielte mit herausragenden Regisseuren wie Helmut Dietl (“Rossini”), Margarethe von Trotta (“Jahrestag”) oder Oskar Roehler (“Suck my Dick”), erhielt den Deutschen Filmpreis,

Herr Selge, Sie haben in Matsu gedreht, einem Ort an der Westküste Estlands, der auf vielen Karten nicht einmal verzeichnet ist. Wie war das?

Ungeheuerlich für jemanden aus einem dichtbesiedelten Land, der plötzlich diesem Leerraum ausgesetzt ist. Ich habe in Pärnu gewohnt. Jeden Tag brachte mich ein Fahrer zum 14-Stunden-Drehtag, etwa 50 Mal bin ich die Strecke gefahren, es kam nur selten ein Auto entgegen. Wenn mein Chauffeur telefonierte, rief er oft “Selge, Selge!” und ich dachte, warum das? Als ich fragte, lachte er. “Selge” hat im Estnischen die Bedeutung von klar und durchsichtig, also “alles klar”.

Hatten Sie Vorfahren in Estland?

Nein, meine Eltern stammten aus Ostpreußen. Es gab noch Verwandte in Pommern, die wiederum Verwandte in Masuren hatten. In ihren Erzählungen kamen nie Esten vor. Natürlich war ich in Estland auch ein bisschen als Nachfahre einstiger Kolonialherren unterwegs. Erst dort ist mir klargeworden, dass dieses praktische, tatkräftige Volk eigentlich zum ersten Mal frei ist und Kultur leben kann. Die Tragödie der über Jahrhunderte unterdrückten Esten ist mir erst in Tallinn bewusst geworden, wo in der Altstadt viele junge Leute in historischen Kostümen als Dienstleister herumlaufen, wie Darsteller in einem Shakespeare-Stück.

Es gibt viele deutsche Spuren.

In Pärnu war Thomas Mann zur Sommerfrische. Ich sah deutsche Namen auf Tafeln, in den Antiquariaten deutschsprachige Bücher. Es gibt in diesem modernen Land keine Vorbehalte gegenüber den Deutschen, nicht mal Skepsis. Das ist in den Nachbarländern anders. Der estnische Hauptdarsteller Tambet Tuisk, der in “Poll” einen estnischen Anarchisten spielt, nahm mich mit in sein Theater NO99 in Tallinn. Dort werden keine alten Stücke aufgeführt. In Estland gilt Gegenwart und Gegenwärtigkeit. Das wurde mir klar, weil ich gern auf den Markt in Pärnu ging. Da waren alte Bauern, die in kleinen Zeitungspapiertüten Mohrrüben und Heidelbeeren aus ihrem Garten verkauften. Aber es gab auch diese tollen Milchprodukte, Quark, Jogurt, alles frisch. Wunderbar.

Aber an Ihrem Drehort Matsu entstand ein Historienfilm, die Geschichte des Untergangs einer deutschbaltischen Gutsbesitzerfamilie 1914. Gehört er zu ihren wichtigen Filmen?

Er gehört zu meinen nachhaltigsten Filmerfahrungen. Allein die tägliche Anfahrt, plötzlich taucht da diese Filmkulisse am Horizont auf, ein Herrenhaus im Palladio-Stil, wie ein Geisterhaus von Edgar Allan Poe, umgeben von einer Containerstadt. Die Esten hätten die Kulisse am liebsten stehen lassen, das ging nicht aus rechtlichen Gründen. “Poll” ist eine große, romanhafte Erzählung, wie ein Film von Bertolucci.

Haben Sie sich an Ihren freien Tagen auch im Land umgesehen?

Natürlich, diese endlose Natur! Da ist ein Land, das einfach da ist, es wirkt unbenutzt, vom Tourismus nicht abgenutzt. Waldwanderwege sind noch richtige Arbeitswege von Arbeitern, die Torf stechen oder Holz fällen. Naturliebhaber kommen dort auf ihre Kosten. Man muss sich allerdings aushalten können. Wenn zu viel Einsamkeit da war, habe ich mich nach Berlin gesehnt. Sonst aber habe ich diesen leeren Raum als Kraftfeld erlebt. Das vermisse ich heute.

Würden Sie in Estland Urlaub machen?

Ja, ich will da wieder hin. Aber man braucht Zeit für dieses Land, innere Zeit, um zu sich zu kommen. Meine Frau und meine Kinder haben mich besucht, wir sind in den Lahemaa Nationalpark gefahren. Diese Ruhe, die wunderschönen Naturwege, aber auch das Wissen, dass es dort Bären, Wölfe und Elche gibt, die wir nie zu sehen bekamen. Nur viele Mücken! Eines weiß ich: Bräuchte ich Zeit für mich, würde ich nach Estland gehen.

Interview: Roland Mischke

24.11.2011

www.visitestonia.com/de

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