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Tartu - eine wirklich schöne Rivalin

09.11.2011

Andreas Steidel aus Tartu,

vom 9.11.2011

Stuttgarter Zeitung

 

Tartu ist eine junge Stadt. Und ziemlich gut aussehend.

Studenten müssen küssen. Und deshalb knutschen die beiden auch tagein, tagaus vor dem Rathaus. Eng umschlungen, ein Bein abgespreizt, den Regenschirm über dem Haupt, geben sie sich ganz ihrer Liebe hin. Seit 1998 steht die Bronzeskulptur nun dort, modelliert nach einem Foto zweier echter Studenten, die bei einem Wettbewerb ihr Bild eingeschickt hatten. Der Brunnen der küssenden Studenten ist das Wahrzeichen von Tartu. Er ist das heitere Element auf einem Platz, der gesäumt ist von klassizistischen Bauten, kleinen Läden und Straßencafés.

Tartu ist Estlands zweitgrößte Stadt. Eine richtige Studentenstadt, in Größe und Ambiente ein wenig wie Heidelberg. Von den 100000 Einwohnern sind knapp 20000 an der Universität eingeschrieben. Es ist die älteste Universität des Landes, 1632 gegründet, berühmt für seine Naturwissenschaften und seine Sammlung antiker Kunstskulpturen. 1869 erwachte hier das estnische Nationalbewusstsein bei einem der berühmten Sängerfeste. Tausende sangen für die Freiheit. Blau, Schwarz, Weiß, die Farben der heutigen Nationalflagge, sind die Farben einer Studentenverbindung aus Tartu.

Kein Wunder, dass man immer mal wieder neidisch ist auf Tallinn. Tartu hat so viel, aber die Hauptstadt das Geld, die Macht und die Touristen. Seit Januar darf sich Tallinn obendrein Europäische Kulturhauptstadt nennen. In einem Auswahlverfahren hatte ihr das Kulturministerium den Vorzug gegeben. Vor Tartu, der Nummer zwei, die ständig um Aufmerksamkeit kämpfen muss.

Maarja Ojamaa ist eine dieser Kämpferinnen. Die 23-Jährige wird nach ihrem Studium für die Stadt Tartu Marketing machen. Auf die Suche gehen nach den Dingen, die Tartu weiter voranbringen. „Sie müssen einmal im Frühjahr kommen“, sagt sie, „im Frühjahr, wenn die Studententage im Freien stattfinden.“ Während der Studententage ist ganz Tartu eine einzige Partymeile, wird in den Straßen gefeiert und auf den Bühnen Musik gemacht, absurdes Theater inszeniert und allerhand Schabernack getrieben.

Zum beliebtesten Schabernack gehört der Drahtseilakt über die Bogenbrücke. Sie steht an der Stelle einer im Zweiten Weltkrieg zerstörten Prachtbrücke Katharinas II. Der Nachfolgebau ist ein Betonwerk aus der Sowjetzeit, mit einer knapp einen Meter breiten Bogenkonstruktion, die die Brücke überspannt. An schönen Abenden balancieren Dutzende von Studenten über sie hinüber und legen eine kleine Mutprobe ab.

Es ist für Ausländer nicht immer einfach, den Darbietungen der Studenten zu folgen. Obwohl alle fast ausnahmslos sehr gut Englisch sprechen, finden die Programme in der Landessprache statt: Ausdruck eines neuen Nationalbewussteins, das die eigene Kultur und Sprache hochhält. „Im Ausland leben?“, fragt Maarja Ojamaa, „nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Wir sind nur 1,3 Millionen Menschen in Estland – und ich will hier eine Familie gründen.“

Angela Olejko ist eine der wenigen Deutschen, die Estnisch lernen. „Nicht einfach“, sagt die 24-Jährige, die mit einem Esten zusammenlebt und noch immer mit den komplizierten Regeln der Grammatik zu kämpfen hat. Ein Jahr lang war sie in Tallinn, bevor sie nach Tartu kam. Sie schätzt die Lebendigkeit der Studentenstadt, und dass man so schnell in der Natur ist. Außerdem sei abends immer etwas los „und alles viel, viel billiger“.

Man muss allerdings kein Estnisch beherrschen, wenn man das Hauptgebäude der Universität in Tartu besichtigen will. Bis zur Wende zum 20. Jahrhundert war hier Deutsch die Unterrichtssprache. Die Wandgravuren im Studentengefängnis, dem Karzer, sind auf Deutsch verfasst: „Zwei Wochen saß an diesem Tisch der Studiosus Edgar Frisch.“

Edgar Frisch war vermutlich einer der vielen Baltendeutschen, die in Tartu studierten. Sie waren bis zum Ersten Weltkrieg die von den Russen geduldete Oberschicht des Landes, wurden erst mit der Unabhängigkeit 1919 entmachtet und schließlich 1939 von den Sowjets und Nazis vertrieben. Viele Lehnwörter wie Apteek, Supp oder Trepp zeugen noch heute von ihrem Einfluss. Das „Trepp“ ist auch so eine Studentenkneipe in der historischen Altstadt von Tartu. Gleich neben dem „Crepp“, wo es fantastische Heidelbeerpfannkuchen gibt. Die Altstadt von Tartu ist überschaubar und lässt sich bequem zu Fuß erleben. Vom Rathausplatz sind es nur ein paar Gehminuten auf den Domberg oder zum alten Pulverkeller, zum universitären Hauptgebäude oder zur Bogenbrücke. Als Urlaubsgast sollte man sich allerdings davor hüten, über sie allzu leichtfertig hinwegzubalancieren. Den Geist von Tartu muss man sich langsam erarbeiten. Dafür wird man von der Stadt belohnt, mit ein paar Dingen, die es in der großen, wichtigen Hauptstadt so nicht gibt. Die küssenden Studenten zum Beispiel und das Gefühl, von Estland noch etwas anderes mitbekommen zu haben als immer nur – Tallinn.

Zum Artikel in der Stuttgarter Zeitung

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