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Süddeutsche: Städtereise nach Tallinn in Estland

03.01.2012

Kunstvoll feiern

03.12.2012
Reisetipps von Matthias Kolb


Tallinn hatte den Titel "Kulturhauptstadt 2011" zwar verdient, aber nicht nötig - längst ist die Stadt kein Geheimtipp mehr. Die Esten nutzten den Rummel, um Independent-Kultur zu fördern, noch mehr Partys zu feiern und ihre Hauptstadt skandinavischer zu machen.

Am Ende kam das Feuer. Eine Stunde hatten 2000 Zuschauer bei Minusgraden am Hafen von Tallinn ausgeharrt, um 55 einminütige Kurzfilme von Tom Tykwer, Rafi Pitts oder Michael Glawogger zu sehen. Die Regisseure hatten sich kurz vor Weihnachten an der Performance "60 seconds of solitude in the year zero" (60sec.ee) beteiligt, mit der das Programm von Tallinn 2011 abgeschlossen wurde. Nach dem letzten Film verdunkelte sich die Leinwand, dann ging der Projektor in Flammen auf und ein Pyrotechniker entzündete die Filmrolle. Funken sprühten und alle Augen blickten auf die Leinwand. Doch anstatt umzukippen, blieb sie stehen.

Mitorganisator Veiko Õunpuu störte die Panne nicht: Das Anliegen, die Kommerzialisierung des Kinos zu kritisieren, war gelungen. Den Regisseur ärgert, dass immer mehr Filme auf Festplatten kopiert werden, während überall Kinos schließen. Daher der radikale Ansatz der Performance: Da keine zweite Filmrolle existiert, lebt die Kunst nur in den Köpfen weiter.

"60 seconds of solitude in the year zero" war eines der ehrgeizigsten Projekte, die im Programm der Europäischen Kulturhauptstadt präsentiert wurden. Mit 15 Millionen Euro war das Budget recht bescheiden, weshalb die Organisatoren neben Konzerten, Ausstellungen und Theater auf kleinere Projekte setzten: Diese sollten und sollen den Tallinnern unbekannte Ecken ihrer Stadt zeigen, für Touristen interessant sein - und über das Kulturhauptstadtjahr hinaus Bestand haben. 

So entsteht direkt an der Ostsee und in Gehdistanz zur mittelalterlichen Altstadt eine Promenade namens "Kulturkilometer" für Spaziergänger und Radler, die zum neuen Meeresmuseum führt. "In der Sowjetzeit war der Zugang ans Meer an dieser Stelle verboten, das war militärisches Sperrgebiet", sagt Maris Hellrand von der Stiftung Tallinn 2011. Zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit entdecken die 1,4 Millionen Esten ihre Hauptstadt neu und gewinnen das Gefühl zurück, direkt am Wasser zu wohnen.

Aus Holz haben junge Architekten kleine Badeinseln, Bänke und Umkleidekabinen gebaut, damit die Anwohner im Sommer im Meer schwimmen können. Dieser Strand namens Kalarand ist nur fünf Minuten vom Zentrum entfernt und die Architekten hoffen, dass engagierte Talliner Bürger diesen Ort nicht privaten Investoren überlassen, die ähnlich wie in Kopenhagen oder Stockholm teure Lofts am Wasser bauen wollen.

Tallinn 2011 förderte Nachbarschaftsinitiativen ebenso wie Urban Gardening-Projekte oder das Rooftop Cinema: Auf dem Dach eines Einkaufszentrums wurden den Sommer über Filmklassiker gezeigt.  Neben der Tallinn Music Week wird auch das Katusekino wegen des großen Erfolgs 2012 wieder stattfinden, so dass auch Touristen "Casablanca", Alfred Hitchcocks "Psycho" oder Woody Allens "Vicky Cristina Barcelona" in Originalversion über den Dächern der Stadt genießen können.

Vor und nach dem Film blicken sie auf die mächtigen, meterdicken Mauern und die Wehrtürme, welche die Hansestadt Reval einst vor Angreifern schützten.

Finnen, Fisch und "Ö"

Im Inneren des Mauerrings führt ein Gewirr aus kleinen Straßen und gepflasterten Gassen durch die Altstadt, in dem sich mancher Neuling verlaufen hat. Den schönsten Blick über die Stadt hat man vom Domberg, zu dem die steile pikk jalg führt. Wo heute Ölbilder verkauft werden, standen einst Soldaten: Jahrhundertelang war die Stadt geteilt. Unten, rund um das historische Rathaus, wohnten Handwerker und Kaufleute, oben residierte die Macht.

In der Domkirche erinnern Grabplatten an den einflussreichen deutschen Adel und mit der Newskij-Kathedrale, in der nun Großmütter goldene Ikonen küssen, zeigte Russlands Zar seinen Anspruch auf die Stadt. Im nahen Café Bogapott gibt es nicht nur leckere Salate und Kuchen: Vor den Augen der Besucher wird Keramik hergestellt und Mitmachen ist erlaubt!

Wer auf die Ostsee hinunter schaut, sieht die viele Fähren, die stündlich zwischen den 80 Kilometer entfernten Hauptstädten Tallinn und Helsinki kreuzen. Während sich vor allem im Hochsommer Besucherscharen in Sandalen und Shorts aus den riesigen Kreuzfahrtschiffen in die Altstadt ergießen, die der als Minnesänger und Burgfräulein verkleidete Studenten warten, reisen die Finnen das ganze Jahr über nach Tallinn. Sie schätzen nicht nur die deutlichen niedrigeren Preise für Alkohol, sondern lassen sich auch in den Spas verwöhnen. Für 23 bzw. 13 Euro entspannen Besucher in den Wellness-Oasen der Nobelhotels Swissotel und Telegraaf, weitere Adressen für Massagen und Maniküre sind etwa DaySpa oder BaborSpa.

Die Esten lassen sich von den Nachbarn im Norden ebenfalls inspirieren, was etwa bei den Arbeiten der jungen Designer deutlich wird, die in der Boutique Nu Nordik oder im Haus des Estnischen Designs Möbel, Accessoires und Kleidung anbieten. Schwedische Mode wird im Sfäär verkauft. Wer nach dem Shoppen neue Energie braucht, geht die Treppe hinunter ins angrenzende Lokal. Die Küchenchefs setzen auf Fisch, etwa frische Renke oder Fischfrikadellen mit Wachteleiersalat. Fleischfreunde wählen Lammpastete, gewürzt mit Chili und Koriander.

Noch ambitionierter wird direkt nebenan im Ö gekocht, das 2010 zum besten Restaurant der Stadt gekürt wurde. Dass das Interieur dort komplett in Schwarz gehalten ist, hat womöglich einen guten Grund: Öö bedeutet auf Estnisch "Nacht".

Neben dem Kulturhauptstadtjahr hat sicher auch die Einführung des Euro am 1. Januar dazu beigetragen, dass Estland 2011 einen Besucherrekord verzeichnete: Mehr als 1,5 Millionen Menschen reisten bis Oktober an die Ostsee, darunter fast 100.000 Deutsche. Auch das Image des "Euro-Musterschülers", der mit niedriger Staatsverschuldung und hohem Wirtschaftswachstum auf sich aufmerksam machte, lockte viele Gäste an, wie Hoteliers berichten.

Die Jüngeren reisen aber vor allem an die Ostsee, weil sie neugierig auf die besondere Mischung aus Hanse und High-Tech sind und auch prüfen wollen, ob die New York Times recht hatte, die Tallinn 2006 zur "Party-Hauptstadt des Jahres" erkor.

Quallendrink in der Valli Baar

Da in den Clubs vor zwei Uhr morgens wenig los ist, bleibt genug Zeit, um einige Kneipen und Bars der Altstadt zu erkunden. Beliebt bei Bierfans aus dem In- und Ausland ist Tallinns ältestes Pub Hell Hunt, während sich Künstler, Werber und Medienleute seit einiger Weile im Must Puudel treffen, einem Retro-Laden mit Konzerten und Lesungen. Tagsüber gibt es im schwarzen Pudel aber auch leckere Snacks.

Fans von Live-Musik sollten sich über das Programm des Von Krahl informieren, während Elektro-Fans ins Balou oder zur "Mutant Disco" eilen: Estlands beste Party steigt zwischen den Sitzreihen des Soprus-Kinos. Gegenüber liegt die Valli Baar, deren Einrichtung noch aus der Sowjetzeit stammt und die für den "Milli Mallikas" berühmt ist: Zwischen Wodka und Tequila schwimmt eine große Portion Tabasco. Das feurige Getränk ist als Quallendrink bekannt.

Wer sich über die Zeit zwischen 1944 und 1991 informieren möchte, in der Estland mit seinen 1,4 Millionen Einwohnern zur Sowjetunion gehörte, ist im Okkupationsmuseum richtig. Damals wohnten Ausländer im Viru-Hotel, wo der KGB 60 Zimmer verwanzt hatte und heute ein sehenswertes Museum im 23. Stock die Paranoia des Geheimdienstes illustriert. Sowjetkitsch und anderen Plunder finden Suchende am Samstag auf dem Telliviski-Flohmarkt oder auf dem Markt Balti Jaama Turg.

In der 400.000-Einwohner-Stadt lässt sich fast alles zu Fuß erreichen. Gerade bei gutem Wetter ist es aber schön, sich etwa bei Citybike ein Fahrrad zu mieten und am Wasser und an alten Holzhäusern vorbei zum Sängerfestgelände (estnisch: Lauluväljak) zu fahren. Auf der muschelförmigen Bühne singen regelmäßig Chöre für bis zu 100.000 Zuschauer.

Im Sommer lohnt sich ein Abstecher zum Strand von Pirita oder ein Picknick im Park des Kadriorg. 1718 ließ sich Zar Peter I. das Schloss mit Meeresblick 1718 bauen. Kunstfreunde sollten unbedingt das KUMU besuchen, das wie ein schwarzer Keil in den Schlosspark hinein ragt. In der obersten Etage finden wechselnde Ausstellungen von zeitgenössischen Künstlern statt. Zurück im Zentrum lockt das "Contemporary Art Museum of Estonia", das Werke von jungen Künstlern aus dem In- und Ausland präsentiert. Es existierte jahrelang als illegales Guerilla-Museum in einem alten Fabrikgebäude in der Nähe des Hafens und wurde im Kulturhauptstadtjahr institutionalisiert. So bleiben die provokanten Ausstellungen den Bürgern von Tallinn sowie den Touristen auch über 2011 hinaus erhalten.

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