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Tierisch - so haben Sie Estland nie gesehen!

22.01.2012


Winterwanderung

Auf Schneeschuh-Safari nach Estland

von Alexandra Frank

Im Naturschutzgebiet Linnuraba leben Wildschweine, Elche, Rehe, Wölfe und Bären. Aber letztere halten Winterschlaf: Auf Schneeschuh-Safari durch die nordestnische Winterlandschaft.

Meine neuen Schuhe sind knallrot, aus Plastik – und sie passen nicht. Sie schlappen, schlackern und hängen wie Tennisschläger unter meinen Füßen. Doch das muss so sein. Es sind Schneeschuhe.

Die perfekte Ausrüstung, um durch den 50 Zentimeter tiefen Schnee im nordestnischen Naturschutzgebiet Linnuraba zu stapfen. Linnuraba heißt übersetzt so viel wie Vogelmoor. Und mein Ziel ist es, nicht nur Vögel aufzuspüren, sondern auch den Fährten vieler anderer Tiere zu folgen.

Ein paar Meter vor mir stapft Bert Rähni durch den Wald. Hochgewachsen, mit strahlend blauen Augen und wesentlich geübter im Schneeschuhlaufen als ich. Er ist Outdoor-Spezialist und bietet winterliche Erlebnistouren in Estland an, etwa Schneespursafaris in dem rund 34 Quadratkilometer großen Hochmoor.

Es liegt etwa eine Autostunde südlich der Hauptstadt Tallinn. Aber schon am Anfang unserer Tour dämpft Bert meine Erwartungen. „Tieren werden wir wohl kaum begegnen“, sagt er in perfektem Deutsch, „aber dafür ihren Spuren.“

Im Winter könne man besonders gut sehen, welche Tiere im Wald lebten und wie sie sich verhielten. Da gebe es Wildschweine, Elche, Rehe, Wölfe, Rotwild, Flughörnchen, Schneehasen und Luchse. Viele Vögel natürlich. Und Bären. Aber die halten Winterschlaf und hinterlassen keine Spuren.

Doch Bert irrt sich. Auf einer Lichtung bekommen wir doch ein Tier zu Gesicht, wenngleich ein totes. Es ist ein steif gefrorenes Reh, das unter einer Kiefer liegt. Rundherum verteilt sind Schneespuren. Tatzen mit kleinen scharfen Krallen vom Täter, einem Luchs. Dann zweireihige, etwas kleinere von einem Marderhund, der wohl hoffte, einen Teil der Beute zu ergattern.

Und schließlich 70 Zentimeter große Spuren in Blattform – sie stammen von einem Menschen auf Schneeschuhen. Offenbar sind wir nicht die ersten Besucher auf Tierspursafari. Nach einem kurzen, fachkundigen Blick sagt Bert: „Die waren schon gestern da.“

Es geht tiefer in den Wald hinein. Die Schuhe knirschen im Schnee, sonst herrscht Stille. Dicke Schneebrocken ziehen die dünnen Äste der Bäume tief bis zum Boden herab. Fichten ragen hoch in den Himmel empor, Tannen mit dichtem Nadelkleid, dazwischen knorrige Kiefern und Birken, die den Weg säumen. Aber was heißt hier Weg? Eine glitzernde Schneedecke verbirgt jegliche Pfade, die hier entlangführen könnten.

Plötzlich bleibt Bert abrupt stehen und zeigt auf einen kleinen Tunnel, der aus einem Schneehügel zu seiner Rechten kommt. „Ein Schneetunnel von Waldmäusen“, erklärt er und schaut sich suchend um. „Aha“, sagt er dann, macht einen Satz nach vorne und weist auf eine Linie, die sich vor ihm im Schnee auftut.

„Mäuse laufen unter der Schneedecke entlang und bauen sich dort Gänge“, sagt er und nickt mit dem Kopf in Richtung Schneetunnel. „Und das da“, er zeigt jetzt auf die zweite, linienförmige Spur, „stammt von einem Fuchs.“ Füchse haben ein so feines Gehör, dass sie die Mäuse-Trippelschritte durch die Schneedecke hindurch wahrnehmen können. Die Fuchs-Pfotenspuren sind akkurat in den Schnee gedrückt, sie wirken wie eine schnurgerade Linie.

Ich steige über einen umgefallenen Baum hinweg, ein paar Zweige fahren mir wie kalte Finger durch das Gesicht. Kuchentellergroße, tief eingesunkene Spuren kreuzen meinen Weg. Das kann selbst ich erkennen. „Ein Elch?“, frage ich Bert. Der nickt und zeigt mit dem Finger auf eine kleine Fichte zu meiner Linken. Helles Rindenholz blitzt zwischen den dunklen Moosen hervor.

„Elche sind bei den Förstern hierzulande nicht gerade beliebt, weil sie die jungen Bäume anknabbern“, erklärt Bert. Pech für die Förster, denn Estland ist reichlich mit Elchen gesegnet. 12.000 Tiere durchstreifen die Wälder des nordbaltischen Landes, das gerade einmal so groß wie Niedersachsen ist. Zu ihnen gesellen sich etwa 800 Luchse, bis zu 700 Braunbären und 200 Wölfe.

Hinzu kommen zahlreiche kleinere Tiere, wie mir Bert anhand weiterer Schneespuren zeigt. Etwa Birkhühner, die sich gerne freie Flächen auf dem Moor zur Balz suchen, oder Haselhühner, deren winzige Abdrücke im Schnee ich für Löcher gehalten habe, die Tautropfen im Schnee hinterlassen.

Bert, mir stets ein paar flotte Schneeschuhschritte voraus, steuert auf den Waldrand zu. Hinter einem umgefallenen Baum macht er mich auf eine breite Schleifspur aufmerksam, die aussieht, als hätte jemand einen Sack durch den Schnee gezogen.

Womit ich nicht ganz unrecht habe, obgleich es sich nicht um Säcke, sondern Bäuche handelt – von Wildschweinen. „Im Winter ist es für die Tiere wichtig, darauf zu achten, nicht zu viel Energie zu verschwenden“, erklärt er mir. Deshalb machen es sich die Wildschweine einfach und benutzen ausgetretene Pfade.

Leicht zu erkennen sind ihre Wege trotzdem nicht. Mit ihren kurzen Beinen kombiniert mit einem Gewicht von teilweise 150 Kilogramm sinken sie tief ein und schleifen mit ihren Bäuchen so durch den Schnee, dass alle Spalthufspuren verwischen.

Meine Spuren hingegen sind unübersehbar. Stolpernd hüpfe ich mit den Schneeschuhen durch das Dickicht am Waldrand. Immer wieder bleibe ich an Zweigen hängen, Pulverschnee rieselt mir in den Nacken. Dann endlich liegt das offene Hochmoor vor mir. „Jetzt geht es querfeldein“, sagt Bert und marschiert los.

Estonian Tourist Board/Enterprise Estonia, Tel. 040/30 38 78 99, www.visitestonia.com

Ich setze einen Schritt vor den anderen. Es hat fast etwas Meditatives, hinter Bert durch die Landschaft zu stapfen, die sich im Winter mit den estnischen Nationalfarben Blau-Schwarz-Weiß schmückt: ein wolkenloser Himmel und dunkle Bäume voller glitzerndem Schnee.

Leichte Kuhlen in der Schneedecke deuten an, wo sich tiefes Moor befindet. Hüfthohe, verknöcherte Kiefern wachsen auf festerem Boden und werfen Schatten, doppelt so lang wie sie selber, auf den hellen Untergrund. Wind kommt auf und zeichnet Wellenmuster in die Schneedecke, die Sonne steht tief am Himmel. Ich schließe meine Lider halb, weil das kräftige Weiß blendet, und schlurfe weiter.

„Da!“ Berts Stimme unterbricht meine Gedanken. „Wölfe!“ Neugierig komme ich näher. Pfotenspuren im Schnee. Aber könnte das nicht auch wieder ein Luchs sein? Oder ein Hund? „Das war ein Wolf“, sagt Bert bestimmt, „hier im Linnuraba lebt ein Rudel von mindestens acht Tieren. Luchstatzen, erklärt er mir, wären etwas kleiner und die Krallen spitzer.

Hunde hingegen hätten dickere, kürzere Pfoten, die ein wenig dreieckig zulaufen. Diese Spuren aber seien eindeutig die eines Wolfes. Mein Ehrgeiz ist geweckt. Ich fordere Bert auf, den Spuren zu folgen, vielleicht bekämen wir ja doch das Rudel zu sehen. Zehn Minuten lang verfolgen wir die Fährte.

Am Waldrand gebe ich auf. Vermutlich hat der Wolf einen längeren Atem und schlüpft leichter durch dichtes Buschwerk hindurch und über umgefallene Bäume hinweg als ich.

Bis Anfang Februar bleibt das Rudel zusammen. Dann beginnt die Paarungszeit und die Alphatiere verdrängen ihre Konkurrenten. Abends, in der Dämmerung, könne man ihr Heulen hören, erzählt Bert. In der Paarungszeit seien viele Tiere unvorsichtiger, schon oft kam er im Februar viel näher an sie heran als üblich.

Nur nicht im Linnuraba. „Ab 1.Februar ist das Gebiet nördlich des Moors gesperrt“, sagt er. „Dort gibt es nämlich ein Steinadlernest.“ Schneeschuhtouren sind in dieser Gegend deshalb gegen Ende des Winters untersagt, und er führt Touristen durch andere Gebiete. Dann wird das Naturschutzgebiet wieder seinem Namen gerecht und ist einfach nur ein Vogelmoor.

Die Reise wurde unterstützt von Enterprise Estonia und Air Baltic


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www.welt.de

23.01.2012

 



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