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Tallinn + Helsinki = Talsinki

05.05.2012

Estland und Finnland

Tallinn + Helsinki = Talsinki

Die Hauptstädte Estlands und Finnlands wachsen zu einer Metropolregion zusammen

Frankfurter Rundschau

„Zur Arbeit pendeln mit Blick auf die Ostsee – wer hat das schon?“ Jaak Raid blinzelt durch die großen Scheiben der Expressfähre hinaus auf den Finnischen Meerbusen. Die See ist ruhig, der Himmel klar. Das Boot hat um neun Uhr morgens im Hafen von Tallinn die Leinen losgemacht, „und bei dem Wetter sind wir pünktlich gegen halb elf in Helsinki“, freut sich der estnische Banker, der mit seinem Kollegen Andrus Uudmae einen der begehrten Fensterplätze ergattert hat. „Wir sind mehrmals im Monat in Helsinki, unsere Bank hat dort eine Niederlassung“, erzählen die beiden Geschäftsleute hinter den Bildschirmen ihrer Laptops. „Für uns ist das wie Busfahren.“

Viele pendeln zur Arbeit

Den „Bus“ über die Ostsee nehmen an diesem Montagmorgen nicht nur die Banker mit Schlips und Kragen. Die Fähre ist voller Pendler, die zur Arbeit wollen, von einer Hauptstadt in die andere. Viele Bauarbeiter, Handwerker und Busfahrer sind dabei. Jeden Monat sind es bis zu 400 000 Menschen, die die 80 Kilometer zwischen Estland und Finnland, Tallinn und Helsinki, hin- und herfahren. Im Sommer, wenn Tagestouristen dazukommen, sind die bis zu 40 Fähren pro Tag oft ausgebucht. Inzwischen haben estnische Staatsbürger sogar die russischen Immigranten als größte Ausländergruppe in Finnland abgelöst: 30 000 Esten leben und arbeiten laut finnischer Registrierungsbehörde vor allem im Großraum Helsinki.

Zwei Hauptstädte, ein Wirtschaftsraum – für Esten und Finnen ist das inzwischen Alltag. 2004 wurde die ehemalige Sowjetrepublik Estland EU-Mitglied, seit dem estnischen Beitritt zum Schengen-Raum vor vier Jahren gibt es keine Grenzkontrollen mehr, und seit Anfang des Jahres wird auch in Estland mit dem Euro bezahlt. Viele Finnen und Esten sprechen scherzhaft von „Talsinki“, wenn sie der Hauptstadtregion im Nordosten Europas einen Namen geben wollen. Den estnischen Schriftsteller Jaan Kaplinski wird das freuen, er hat den Begriff „Talsinki“ in einem Essay Anfang der 90er-Jahre erfunden.

Während die Expressfähre auf dem Weg Richtung Helsinki ist, hat Annika Funu-Cracker am Zielort schon die Hälfte ihrer Frühschicht hinter sich. Die 39-jährige Estin hat vor 20 Jahren ihre Ausbildung zur Krankenschwester in Tallinn gemacht. Seit 2007 arbeitet sie in Helsinki, erst in der ambulanten Pflege, seit einigen Monaten auf der Reha-Station des Herttoniemi-Hospitals im Osten der Stadt. „Ich verdiene hier ungefähr das Dreifache: 2 500 statt 800 Euro in Estland“, erzählt Annika während einer Dienstpause im Stationszimmer.

Wegen des nach wie vor deutlichen Gehaltsgefälles sind es bislang vor allem finnische Führungskräfte, die den umgekehrten Weg in den estnischen Arbeitsmarkt einschlagen. Leo Lindell etwa verdient als Manager in einem Tallinner Vier-Sterne-Hotel sein Geld. „Tallinn ist sehr viel dynamischer in seiner Entwicklung als Helsinki, weil es einiges aufzuholen hatte.“ Auch ihm fiel die Umstellung nicht schwer, Estnisch habe er innerhalb von drei Monaten gelernt. „Esten und Finnen haben sehr viel gemeinsam“, sagt der Hotelmanager, „das Innovative zum Beispiel: Nokia in Finnland, und Skype ist eine estnische Erfindung. Und letztlich ist es ja so: Obwohl ich im Ausland bin, lebe ich nicht weit entfernt von meiner Familie in Finnland.“

Die Gemeinsamkeiten beider Völker betont auch der Politologe Rainer Kattel von der Technischen Universität Tallinn: „Die Esten haben sich schon immer eher als Skandinavier empfunden.“ Zwar seien die Beziehungen zu den anderen baltischen Ländern, Lettland und Litauen, auch sehr gut, aber nicht so eng wie zu Finnland. Schon zu Sowjetzeiten galt Tallinn nicht nur geografisch als westlichste Stadt hinter dem Eisernen Vorhang. Im Norden Estlands schauten die Menschen finnisches Fernsehen. So lernten die Esten die Sprache der Nachbarn und hatten eine etwas andere Sicht auf die Welt. Auch in schwierigen Zeiten griff man sich unter die Arme: Finnische Freiwilligenbataillone unterstützten Estland 1918 im Kampf gegen die Rote Armee, estnische Einheiten kamen den Finnen 1939 im Winterkrieg mit der Sowjetunion zuhilfe.

Noch näher zusammenrücken sollen Tallinn und Helsinki im 21. Jahrhundert durch einen Eisenbahntunnel unter der Ostsee. Das zumindest ist die Vision von Ingenieuren, Verkehrsexperten und Politikern auf beiden Seiten des Finnischen Meerbusens. Es ist ein ambitioniertes Projekt: Mit rund 90 Kilometern Länge wäre der Tunnel der mit Abstand längste seiner Art weltweit – fast doppelt so lang wie der Eurotunnel, der 50 Kilometer unter dem Ärmelkanal verläuft. Nach einer von der estnischen Regierung in Auftrag gegebenen Studie würde das Mammutprojekt drei Milliarden Euro kosten.

Künstliche Insel in der Bucht

Aber in Finnland wurden im April die rechtspopulistischen Wahren Finnen zur stärksten Oppositionspartei gewählt und Nokia, der weltgrößte Hersteller von Mobiltelefonen, ist angeschlagen – nicht gerade beste Voraussetzungen für das visionäre Verkehrsprojekt. Doch hat die Tunnel-Idee für viele nach wie vor ihren Reiz. „Das ist technisch machbar, ich halte das keinesfalls für ein Hirngespinst“, sagt etwa Roope Mokka. Der Soziologe und Zukunftsforscher ist Gründer des Demos-Institus in Helsinki, das Zukunftsmodelle urbaner Räume untersucht und entwirft. „In zehn Jahren könnte es frühestens so weit sein, dass ein Tunnel gebaut wird.“

Entscheidend seien zwei Fragen, sagt Mokka. Erstens: Steigen die Energiepreise so, dass Auto und Flugzeug im Vergleich zur Bahn unerschwinglich werden? Ein Bahntunnel würde ja nicht nur beide Städte verbinden, sondern könnte auch den Verkehr zwischen Finnland und Mitteleuropa bündeln. Und zweitens die Frage, ob die Visumspflicht zwischen Russland und der EU aufgehoben wird, wodurch ganz neue Verkehrsaufkommen entstünden.

Für das bei einem Tunnelbau anfallende Gestein haben Architekten der Universität Helsinki jedenfalls schon einen Verwendungszweck gefunden: Damit ließe sich in der Finnischen Bucht eine künstliche Insel aufschütten, auf der 20 000 Menschen leben könnten und die natürlich einen besonderen Namen tragen würde: Talsinki.

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