Deutsch
Eesti English
Informationen und Presse »

Mindener Tageblatt - Im Holzfeuer entstehen kleine Schmuckstücke

11.07.2012

Neuer Ofen nach antikem Vorbild in Glashütte Gernheim / Künstler aus Estland zeigen Perlenherstellung

 

von Ralf Kapries, Mindener Tageblatt, 10.07.2012

 

Petershagen (pri). Da staunten die Besucher des Industriemuseums Glashütte Gernheim in Petershagen-Ovenstedt nicht schlecht: Was auf den ersten Blick aussah wie ein neuer Grillplatz, entpuppte sich rasch als ein kleiner, kreisrund gemauerter Steinofen nach antikem Vorbild, der mit Holz zu befeuern ist und in dem Glas in kleinen Mengen geschmolzen werden kann.

Unter dem Schutz eines Tonpfannendaches, das auf einer hölzernen Unterkonstruktion errichtet wurde, trotzen estnische Glaskünstler der Witterung: An diesem Wochenende Regenschauer und schwüle Luft, verstärkt durch die Hitze der Feuerung und vermischt mit den Rauchschwaden, die gelegentlich aus den Arbeitsöffnungen des Ofens dringen - einen Kamin hat das gut Stück nämlich nicht.


Im Herbst und Winter werden ihre Arbeitsplätze wohl verwaist bleiben. Zunächst ist der Glasperlenofen bis zum 15. Juli zu den Öffnungszeiten des Museums in Betrieb.

Seit die estnische Künstlergruppe, bestehend aus Kati Kerstna, Liisi Junolainen, Kairi und Herbert Orgusaa 1995 erstmals einen Ofen dieser Art errichtete, wurden von Jahr zu Jahr einige Veränderungen an der Konstruktion vorgenommen. Der jetzige Ofen kann nach Angaben des für Gernheim zuständigen Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe als ein nach antikem Vorbild errichteter bezeichnet werden.

Die Verwendung von Holzfeuern zur Glasherstellung war Jahrtausende hindurch üblich. Erst mit der Industrialisierung in Europa und der Förderung von Kohle wurde ab Ende des 18. Jahrhunderts Kohle zum bevorzugten Brennstoff und erlaubte weniger Materialeinsatz bei höheren Temperaturen. Holzbefeuerte Glasöfen werden noch heute in Indien zur Perlenherstellung genutzt.

Die Besonderheit des Gernheimer Ofens besteht also zum ersten in seiner Konstruktionsform, die es zulässt, bei einer Feuerung nur durch Holz - also nicht durch Holz- oder Steinkohle - die notwendige Betriebstemperatur von 1200 Grad Celsius zu erreichen. Im Schnitt dauert dies fünf Stunden. Der Gernheimer Ofen wurde nach einer Bauzeit von einer Woche am Samstag zum ersten Mal probehalber für einige Stunden befeuert und erreichte dabei etwa 900 Grad. Sonntagmorgen um sechs Uhr wurde ein neues Feuer angefacht. Der jetzt trockene Ofen erreichte die erforderliche Temperatur gegen 13 Uhr, also nach sieben Stunden.

Nun konnten die offenen Schmelztiegel, die auf einem Sims unter der Ofenkuppel stehen, mit zerstoßenem Glas befüllt werden. Um Perlen zu formen wird eine lange, vorn spitze Stahlstange in die flüssige Glasmasse eingetaucht, sodass ein Tropfen entsteht. Dieser wird mit Kraft auf ein flaches Stück Holz gedrückt, wobei der Glastropfen von der Spitze durchbohrt wird. So entsteht das Loch, durch das die fertige Perle später aufgezogen werden kann.

Heute werden vor einem gasbetriebenen Brenner Glasstangen zu Fäden gesponnen und auf eine Art Draht aufgewickelt. Im historischen Prozess werden die Perlen vorsichtig abgeschlagen und in die "Taschen" neben den Arbeitsöffnungen gelegt. Hier liegt die Temperatur ein paar hundert Grad niedriger als im Schmelzraum und die fertigen Stücke können allmählich abkühlen.

Der relativ große Abstand zwischen Flamme und Glasmasse soll die Verunreinigung der Schmelze durch Ruß oder andere Partikel möglichst gering halten. Jedoch enthalten die fertigen Produkte immer wieder Unreinheiten und Einschlüsse, auch sind darin mehr Luftblasen enthalten als bei der heutigen Fertigungsmethode. Die estnischen Glaskünstlerinnen fertigten mit Hilfe des Ofens auch kleine Fläschchen an. Diese wurden allerdings nicht geblasen, sondern um einen Lehmkern herum geformt.

Der Glasperlenofen ist bis zum 15. Juli Di-So 10-18 Uhr in der Glashütte Gernheim in Betrieb


@ Video auf MT-Online.de

Dokumenten Information
Copyright © Mindener Tageblatt 2012
Dokument erstellt am 09.07.2012 um 23:12:19 Uhr


Lesen Sie im Internet:
www.mt-online.de
 

TopBack

© Botschaft der Republik Estland in Berlin Hildebrandstraße 5, 10785 Berlin, Tel. (49) 30 254 606 02, E-Mail: Embassy.Berlin@mfa.ee