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Hamburger Abendblatt über den Komponisten Arvo Pärt

12.08.2013

12.08.13 / Hamburger Abendblatt
Von Verena Fischer-Zernin

Klassik
In der musikalischen Kuschelecke der Spiritualität
Das Schleswig-Holstein Musik Festival ehrt den estnischen Komponisten Arvo Pärt im Rahmen des Länderschwerpunkts Baltikum mit einem Porträtwochenende an mehreren Hamburger Veranstaltungsorten.

Hamburg. Ganz bestimmt nicht. Auf keinen Fall stehe der Komponist für einen Fototermin zur Verfügung, lässt das Management mitteilen. Kein Interview, keine Fotosession, Punkt.
Erhaben über schnöde Äußerlichkeiten, ja, genau: So kennen wir unseren Arvo Pärt, Lichtgestalt der Sinnsuchenden aus der wohlsituierten Mitte der Gesellschaft. Doch dann tut sich für den geplagten Pressefotografen ein Schlupfloch auf. Pärt wolle nicht merken, dass er fotografiert werde, präzisiert das Management. Will heißen, ein Foto ist nicht generell verboten. Ein Schnappschuss aus der Distanz ist in Ordnung.
Die kategorische Ansage und ihre wohldosierte Relativierung sind bezeichnend. Dieser Eremit in der Großstadt (Berlin), der mit seinem Rauschebart, den eingefallenen Wangen und dem durchdringenden Blick an einen späten Rasputin erinnert, dieser Arvo Pärt also ist nicht nur ein humorvoller, sympathischer, bescheidener Mann von 77 Jahren, er ist auch ein äußerst lukratives Produkt, ein Industriezweig eigener Art. Seine Weltabgewandtheit gehört zwingend zum Image.
Arvo Pärt ist Pop. Und so wird er in Hamburg auch gefeiert. Das Schleswig-Holstein Musik Festival ehrt den prominentesten Vertreter der baltischen Musikszene im Rahmen seiner Reihe "anbruch – neue Hörwelten" gemeinsam mit "NDR das neue werk" mit einem Porträtwochenende. Und jedes Konzert wird jubelnd, anhaltend beklatscht.
Wer sich nicht zu den Enthusiasten zählt, fragt sich indessen nach etlichen Stunden Musik in Pärts weltberühmt gewordenem Tintinnabuli-Stil (zu deutsch "Glöckchen"), was ihm bleibt. Es mag ihn der unbehagliche Eindruck beschleichen, dass es sich bei der Spiritualität, die von Pärts stark religiös grundiertem Werk ausgeht, um das Kleinste Gemeinsame Vielfache handelt. Unbestritten ist die enorme Suggestivität seiner Klänge: Da erhebt sich über einem tiefen, durchgehenden Bordunton eine endlos kreisende, in Terzen verlaufende Melodie. Ruhiges Zeitmaß, tonale Erkennbarkeit, sphärische Klänge, gewürzt durch in Maßen schräge Harmoniewechsel, und schon ist der Hörer hypnotisch eingewickelt. Jene süße Melancholie, bildet sie nicht unser aller Lebensgefühl ab? Wer würde sich nicht erkannt fühlen? Nur bleibt eine musikalisch-harmonische Entwicklung, die ein spirituelles Ringen mit allen Krisen abbilden könnte, meist aus. Demut statt Konflikt, Trance statt Drama. Anstrengen muss sich das Publikum nicht. Willkommen in der musikalischen Kuschelecke.
Von Pärt selbst ist der entwaffnende Satz überliefert: "Ich habe entdeckt, dass es ausreicht, wenn nur eine einzige Note schön gespielt wird." Ein hartherziger Rationalist, wer darüber spotten würde. Mit seinem Credo der Einfachheit entzieht der Komponist sein Werk kritischer Überprüfung. Man muss allerdings sagen, dass die Interpreten an diesem Wochenende erheblich mehr Noten schön singen und spielen. Und das will etwas heißen. Je schlichter nämlich die Musik, desto erbarmungsloser zeigen sich fundamentale technische Schwächen.
Berufenere Botschafter kann man sich für Pärts Musik nicht wünschen. Die klaren, fokussierten Stimmen des Kammerchors Estonian Philharmonic Chamber Choir unter seinem Gründer und Leiter Tonu Kaljuste passen ideal zu einer Musik, die so sehr von der Formung des Klangs lebt. Sie machen im Michel den Auftakt mit dem "Kanon pokajanen", der Vertonung eines altslawischen Bußkanons, den die Künstler 1998 schon aus der Taufe gehoben haben. Anrührend, wie sich alle Beteiligten in den Dienst der Sache stellen und sich bis in Nuancen wie Vibrato und Farbgebung in die Gruppe einfügen; diese Musik ist nichts für Selbstdarsteller. Nur gelegentlich hört man den Sängern an, dass es Konzentration kostet, die Intonation vor dem a-cappella-typischen Absacken zu bewahren.
Mit dem Tallinn Chamber Orchestra führen sie einen Abend später in St. Jacobi geistliche Werke auf. Da geht es kompakter zu und fast sinfonisch. Pärt hat seine Klassiker gründlich studiert: In "Adam's Lament" schwingt das "Lacrimosa" aus Mozarts Requiem mit, in dem Instrumentalstück "Cantus in Memory of Benjamin Britten" klingen Stilzitate bis hin zu Mahler an.
Das Cello8ctet Amsterdam wagt sich mit vom Komponisten transkribierten Chorwerken aufs Hochseil – und gewinnt. Die Spannung, die das Publikum mitunter regelrecht am Applaus hindert, spricht für sich. Nur ganz selten schwebt bei Unisonostellen die Intonation oder entwickeln nicht alle den Ton gleichmäßig. Was zeigt, welch hohe Kunst hinter dieser Ensembleleistung steckt.
Die Pianistin Ulrike Payer ist bis zum Sonntagmittag die Einzige, deren Programm auch in Pärts frühere Schaffensperiode leuchtet. Schließlich hat Pärt erst 1976, nach mehrjährigem Schweigen, sein erstes Werk im Tintinnabuli-Stil veröffentlicht. Zuvor hatte er sich bei den sowjetischen Funktionären mit einer avancierteren Tonsprache unbeliebt gemacht. Die Partita op. 2, entstanden 1959 und von Payer im Rolf-Liebermann-Studio mit Maß und Klarheit dargeboten, kommt heutigen Ohren gemäßigt modern vor. Dagegen klingt "Für Anna Maria" (2006), pardon, schlicht nach Richard Clayderman.
Von Dorian Supins Porträtfilm "24 Preludes for a Fugue" wünschte man sich, dass er die anekdotisch-heitere Oberfläche einmal verließe und nach Schaffenskrisen Pärts fragte, nach bedrückenden Erfahrungen wie den Repressionen der Sowjetzeit oder der Emigration 1980. Aber das hätte womöglich wieder dem Management nicht gepasst.

Im Internet auf der Seite:

Hamburger Abendblatt

Arvo Pärt saatkonnas
Foto: Arvo Pärt bei seinem Auftritt in der Botschaft

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