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Neues Deutschland über das Usedomer Musikfestival

16.10.2013

Lesen Sie Antje Röslers Artikel hier:

http://www.neues-deutschland.de/artikel/835849.in-die-freiheit-singen.html?sstr=Estland

Neues Deutschland

14.10.2013 /  von Antje Rösler


In die Freiheit singen

Schwerpunkt „Estland“ beim 20. Usedomer Musikfestival

Seit 20 Jahren holt das Usedomer Musikfestival die Kultur des Ostseeraums nach Usedom. Jedes Mal mit einem Schwerpunkt: In den vergangenen drei Wochen wurde auf der Insel die estnische Musiklandschaft vorgestellt. »Nur zwei Millionen Menschen sprechen Estnisch; unsere Musikszene ist im Vergleich dazu riesig«, erklärt der estnische Dirigent Neeme Järvi. »Wir halten unsere Sängerfeste ab, zu denen Hunderttausende kommen.«

Die Familie Järvi ist geradezu ein Leuchtturm der estnischen Musikszene. Neben Neeme besteht sie aus seinen dirigierenden Söhnen Paavo und Kristjan; Schwester Maarika ist Flötistin.

Neeme Järvi leitete am Samstag das Abschlusskonzert des Festivals, Schauplatz war das Kraftwerk Peenemünde. Auf dem Programm stand auch die »Lyrische« Sinfonie Nr. 4 von Eduard Tubin, dem »estnischen Sibelius«. Tubin komponierte das Stück 1934 während der deutschen Besatzung Estlands. Die Partitur überlebte angeschmort in einem Eisenschrank das Bombardement der Roten Armee. 1981 leitete Neeme Järvi in Norwegen die erste Wiederaufführung des Stückes nach dem Krieg. In Peenemünde führte er nun mit bedächtigen Bewegungen das ebenso transparent wie temperamentvoll spielende NDR-Sinfonieorchester durch lichte, schwärmerische Klanglandschaften.

1944 floh Tubin nach Schweden, wo er sein bekanntes »Konzert für Kontrabass und Klavier« schrieb. Jens Bomhardt, Kontrabassist des NDR- Sinfonieorchesters, führte das Stück auf dem Festival mit dem Pianisten Roberto Paruzzo auf. Er entlockte seinem schwerfälligen Instrument üppige Virtuosität und kostete die Anklänge an Filmmusik und jazzige Modetänze aus.

Im Kraftwerk Peenemünde fand auch ein Dirigier-Meisterkurs von Kurt Masur mit dem Baltic Youth Philharmonic statt. Geprobt wurden Bruckner und Wagner. Masur lag vor allem daran, dass die jungen Dirigenten ihre Klangvorstellung präzise vermitteln. »Es ist kein Kunststück, die Wiener Philharmoniker zu dirigieren«, sagt er. »Ein Jugendorchester braucht jedoch Führung und eine geistige Konzeption.« Im Anschluss an den Meisterkurs gaben die Teilnehmer ein Konzert. Kurt Masur wurde dort mit dem Europäischen Kulturpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Wie ein roter Faden zog sich die Musik von Arvo Pärt durch das Festival. Pärt studierte im sowjetischen Estland der späten Siebziger des letzten Jahrhunderts die Musik des Mittelalters. Das führte ihn zu schlichten Kompositionen auf Basis einfacher Dreiklänge. Der estnische Chor Vox Clamantis zeigte, dass sich Gregorianische Choräle und die Gesänge Pärts stimmig ergänzen. Er verband religiöse Eindringlichkeit mit blitzsauberer Intonation und einem honigsüßen Klang.

»Ich werde immer wieder nach dem Einfluss Pärts auf die junge estnische Komponistengeneration gefragt«, sagt der 1971 in Tallin geborene Komponist Jüri Reinvere. »Aber wir gehen unseren eigenen Weg. Zugleich haben viele zeitgenössische Werke eine religiöse Dimension. Das hat mit der tiefen Bedeutung zu tun, die wir der Musik zusprechen.« Für Esten ist Musik mehr als Klang. »Als wir Teil der Sowjetunion waren, half Musik uns, die nationale Identität zu bewahren«, so Reinvere. »Später haben wir in der Singenden Revolution unsere Unabhängigkeit erkämpft.«

Jüri Reinveres' »Das Weltreich des Mai« ist von der englischen Romantik und vom Nachtigallengesang beeinflusst. Der Komponist schuf einen zarten Geräuschteppich, der in eine Sommernacht voller Vögel, Frösche und Grillen entführt. Das Stück wurde aufgeführt vom Ensemble »Resonabilis«, das in der Besetzung von sanfter Frauenstimme, Flöte, Cello und Kannel, der traditionellen estnischen Zither, auftritt. Die Musiker zeigen sich folkloristisch: Sie tragen bunte, mit Fransen und Perlen verzierte Kleider; ihr Repertoire besteht aus Werken, die sie selbst in Auftrag gegeben haben.

Dazu gehört die Märchenoper »Eisenhans« von Kristjan Kõrver, der die besondere perkussive Qualität der estnischen Sprache ausnutzt. Außerdem erklangen Toivo Tulevs zarte religiöse Gesänge, die vom silbrigen Glitzern der Kannel umhüllt sind. Uraufgeführt wurden Tõnu Kõrvits’ »Fünf Haikus«, die voller tonaler Melodienseeligkeit stecken.

Neue, wenngleich auch nicht avantgardistische Klänge hörte man ebenfalls beim Festivalfinale in Peenemünde. Dort erklang Peeter Vähis' Flötenkonzert »Gesang vom himmlischen See«. Es ist eine beschwingte Tanz-Suite, in der die NDR-Streicher einen Rhythmusteppich für die orientalisch kreiselnden Eskapaden der Flötistin Maarika Järvi webten.

© Neues Deutschland


 

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