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F.A.Z. - Estland führt den Euro ein

29.12.2010

Estland führt den Euro ein

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Von Hanno Mußler, 29. Dezember 2010 

 

Die Esten schauen nach Westen. Unbeirrt von der europäischen Staatsschuldenkrise führt Estland am 1. Januar den Euro ein. Damit reicht der Euro-Raum, dessen Existenz gerade viele für gefährdet halten, nun im Osten bis an die Grenzen Russlands. Estland ist dann nach Slowenien und der Slowakei der dritte Staat des früheren kommunistischen Ostblocks, in dem mit Euro bezahlt wird.

Für die Esten krönt der Beitritt zum Euro-Raum ihre seit 2004 bestehende Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Ihre Zugehörigkeit zum Westen wird noch eindeutiger. Gleichzeitig schafft der Euro Distanz zum großen Nachbarn Russland, von dem erst 1991 die Unabhängigkeit gelang und mit dem Estland bisher keinen Grenzvertrag hat schließen können. Wirtschaftlich werden die Folgen für Estland durch den Euro eher gering sein. Denn die estnische Krone ist schon seit 2004 an den Euro gebunden und durfte nur in engen Grenzen um einen Mittelkurs schwanken.

Angesichts der Krise des Euro-Raums muss man den Beitritt Estlands heute als ermutigend empfinden. Im Jahr 2007 hatte die Europäische Union Estland noch mit Verweis auf eine zu hohe Inflation den Euro verweigert. Auch im Frühjahr dieses Jahres hatte die Europäische Zentralbank mit Verweis auf ein möglicherweise nicht nachhaltig gesunkenes Preisniveau Zweifel an der Euro-Tauglichkeit Estlands geäußert. Doch Tatsache ist: Mitten in der Wirtschaftskrise, nachdem die estnische Volkswirtschaft um enorme 14 Prozent im Jahr 2009 geschrumpft war, hat das östlichste der baltischen Länder alle Maastricht-Kriterien erfüllt und die Qualifikation für den Euro geschafft.

Natürlich wäre es für den Euro-Raum ein noch positiveres Signal, wenn wirtschaftlich stärkere Länder wie Schweden und Dänemark die Einführung des Euro vorantrieben. Doch die Zustimmung zum Euro flammte dort im Herbst 2008 nur kurz auf. Als damals internationale Handelsströme einbrachen und internationale Unternehmen Geld abzogen, zeigte sich die Anfälligkeit von Währungen kleiner Währungsräume. Doch inzwischen erscheint die Gefahr so groß, als Mitglied der Währungsunion Transfers in Länder wie Griechenland oder Irland leisten zu müssen, dass Polen und Tschechien von einer schnellen Einführung des Euro Abstand genommen haben. In Estland dagegen, das lediglich 1,4 Millionen Einwohner und eine kleinere Fläche als Niedersachsen hat, sind sich die meisten darüber im Klaren, dass die heimische Wirtschaft zu klein ist, um dauerhaft einen eigenen Währungsraum beheimaten zu können.

Deutschlands Position im Euro-Raum wird durch Estland gestärkt. Denn die Esten haben den "Dolce-Vita-Ländern", wie einige Esten Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien nennen, schon gezeigt, wie eine angeschlagene Volkswirtschaft saniert werden kann: mit Einsparungen. Als die estnische Wirtschaft den Einbruch um 14 Prozent erlebte, kürzte Finanzminister Jürgen Ligi die Gehälter der Staatsbediensteten um 10 Prozent. Weitere Sparmaßnahmen, die mit nordischer Disziplin von den im Schnitt kaum mehr als 10 000 Euro je Kopf im Jahr verdienenden Esten ertragen wurden, führten zu einer Verringerung der Staatsausgaben, die sich in der Summe auf 8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) belaufen.

Schnell kam Estland - ohne den leichten Weg der Währungsabwertung zu gehen - wieder auf die Beine. Trotz einer Arbeitslosenquote von 15 Prozent erwartet der Internationale Währungsfonds in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum von 1,8 und im kommenden Jahr von 3,5 Prozent. Mit einer Staatsverschuldung von 7 Prozent, gemessen am BIP, ist Estland an der Stelle, wo den Euro-Raum mit einer durchschnittlichen Schuldenquote von 84 Prozent der Schuh am stärksten drückt, leichten Fußes unterwegs.

Derzeit sehen viele die Europäische Währungsunion am Scheideweg zwischen einer für die gesunden Länder kostspieligen Transferunion und einer Rückabwicklung. Mit ihrer Entscheidung, dennoch jetzt den Euro einzuführen, weisen die Esten womöglich einen Mittelweg. Sie bekennen sich zu mehr gegenseitiger Verantwortung im Währungsraum. Allerdings ziehen die Esten enge Grenzen: Man werde Deutschland ermutigen, nicht zu viele Kompromisse mit den Dolce-Vita-Ländern zu machen, heißt es am Regierungssitz der Hauptstadt Tallinn.

Tallinn kennen viele noch als Hansestadt Reval. Ihrer kaufmännischen Tradition fühlt man sich dort trotz zwischenzeitlicher kommunistischer Umerziehungsversuche nach wie vor verpflichtet. Die Esten haben sich in der Krise nicht an ihren wirtschaftlich noch darniederliegenden baltischen Nachbarn orientiert, sondern haben sich die reichen Finnen im Norden zum Vorbild genommen. Gerade im IT-Sektor herrscht ein Gründerboom.

Wenn nicht alles täuscht, erhalten mit Estland im Euro-Raum Staaten wie Deutschland, Holland und Finnland Zuwachs, die auf Eigenverantwortung setzen und eine Transferunion allenfalls unter scharfen Bedingungen akzeptieren. Das kleine Estland könnte in diesem Kreis sogar zum hanseatisch-kühlen Hardliner werden. Willkommen im Euro-Club.

Text: F.A.Z.

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