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F.A.Z. - Estland und der Euro

31.12.2010

Bericht
Euro-Einführung



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Trotz Währungskrise

Estland führt den Euro ein


Alle hadern mit dem Euro. Estland führt ihn ein. Zur Freude des Volkes kommt am 1. Januar der Euro in das baltische Land. Der Euro-Raum wächst damit auf 17 Mitglieder. Estland erntet die Früchte der harten Sparpolitik

 

Von Dyrk Scherff

31. Dezember 2010 

 

Man mag es in diesen Tagen kaum glauben: der Euro ist begehrt. Vor allem Euro-Münzen, die noch gar nicht im Umlauf sind. Sie tauchten Mitte November in der lettischen Hauptstadt Riga auf - bei einem Treffen von Münzsammlern. Die Euro-Münzen aus dem Nachbarland Estland waren frisch geprägt und heiß begehrt. Eigentlich sollten sie erst im Januar in Umlauf kommen. Aber irgendwie hatten sie ihren Weg von den Banken und großen Einzelhändlern, denen sie vorab geliefert worden waren, auf den Schwarzmarkt geschafft. Dort fanden sie reißenden Absatz.

Die Begeisterung der Sammler könnte ein Symbol sein, dass der gerupfte Euro noch Freunde hat - nicht nur in Riga, sondern vor allem im kleinen Estland. Etwas kleiner als Niedersachsen, ist es das nördlichste Land im Baltikum, mit der Einwohnerzahl von München. Hier ist eine hauchdünne Mehrheit in der Bevölkerung für die Euro-Einführung, wie die jüngsten Umfragen zeigen. Das ist schon viel angesichts einer dramatischen Euro-Krise mit milliardenschweren Notkrediten für Griechenland und Irland, für die die anderen Euro-Länder haften.

Von Januar an haftet auch Estland. Mit mehr als zehn Prozent seines Haushalts. Dass die Esten den Euro wollen, ist auch erstaunlich angesichts der Stimmung in anderen osteuropäischen Ländern wie Polen, Ungarn oder Tschechien. Deren Regierungen wollten immer so schnell wie möglich in den Euro- Raum. Jetzt lassen sie sich auffällig viel Zeit, die Beitrittskriterien zu erfüllen. Weil sie nicht Mitglied in einem Krisenclub werden möchten.

Doch die Esten denken anders - einzigartig in Europa. Sie wollen den Euro, koste es noch so viel Kraft. Und es hat sie schon viel Kraft gekostet. 2008 und 2009 rutschte das Land nach dem Platzen einer Immobilienblase und dem Wegbrechen der enorm wichtigen Exporte so tief in die Rezession wie kaum ein anderes. Die Wirtschaftsleistung sank erst um fünf, dann um 14 Prozent, die Arbeitslosigkeit schoss in die Höhe, und jahrelange Haushaltsüberschüsse wandelten sich plötzlich in Defizite. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Euro-Einführung zu verschieben. Doch die Regierung setzte eines der ambitioniertesten Sparpakete weltweit durch und schaffte so die Beitrittskriterien.

Nur warum diese Mühen? Wir gehen vor Ort auf die Suche nach den Gründen. Erste Station: Die Estnische Notenbank, Hüterin der Estnischen Krone, der aktuellen Währung. Ein kleines, dunkelgraues Gebäude am Rand der Altstadt Tallinns. "Wir wollen endlich im gleichen Sandkasten wie die Deutschen spielen", sagt uns dort der Präsident Andres Lipstock. Und er meint: Estland will endlich zur Elite Europas gehören. Das ist für ihn immer noch der Euro-Raum. Der Weg nach Europa soll nach Nato- und EU-Beitritt 2004 mit dem Euro seinen Höhepunkt finden. Die neue Währung soll neue Investoren aus dem Ausland anlocken, für die der Euro-Raum trotz der Krise Seriosität ausstrahlt. Damit kann sich Estland auch von den kriselnden Nachbarn Lettland und Litauen positiv abgrenzen, mit denen es bisher immer in einen Topf geworfen wurde.

Und ganz wichtig für die Psychologie der Esten: Der gefürchtete russische Nachbar, bis zur Unabhängigkeit 1991 Besatzungsmacht, soll mehr auf Distanz gehalten werden. Seine Krallen fährt der russische Bär immer mal wieder aus. Das merkt man zum Beispiel wenige Kilometer außerhalb von Tallinn. Dort liegt Muuga, der größte Hafen Estlands und wichtiger Arbeitgeber. Er ist vor allem ein Transithafen für Öl und Kohle aus Russland, das hier auch bei Temperaturen unter null Grad einen eisfreien Zugang zur Ostsee findet. 2007 brachen Spannungen zwischen den Esten und der russischen Minderheit aus, als ein Sowjetdenkmal aus der Innenstadt Tallinns an den Stadtrand verlegt werden sollte. Daraufhin stoppte Russland einen Großteil seiner Transporte nach Muuga. Die Hafengesellschaft verlor in kurzer Zeit ein Drittel ihrer Einnahmen.

Für die Regierung ist das einer der Gründe, die Euro-Einführung nicht zu verzögern, zumal Estland auch stark von russischem Erdgas abhängt. Aber auch politisch hat die Führung keine Chance für einen Rückzieher. Jahrelang hat sie den Menschen versprochen, mit dem Euro wachse die Wirtschaft stärker, stiegen die Löhne, kämen die Investoren. Die europäische Währung ist ein Ziel, auf das die Regierung seit dem EU-Beitritt hingearbeitet hat. Das kann sie jetzt - wenige Monate vor den Parlamentswahlen - nicht einfach wegen ein paar Griechen und Iren verschieben.

Wirtschaftsminister Juhan Parts sieht dafür aber auch keine Notwendigkeit. Im Gegenteil: "Wenn wir den Euro einführen, nehmen wir den ausländischen Investoren die Sorge, dass wir unsere Währung abwerten." In den Krisenjahren 2008 und 2009 wurde lautstark die Abwertung der estnischen Krone gefordert, die seit Jahren fest an den Euro gebunden ist, um die Produkte der heimischen Exportindustrie auf dem Weltmarkt billiger und damit attraktiver zu machen.

Die Bürger auf der Straße glauben der Regierung und ihrer Euro-Werbung. Die Politik hat sich eine hohe Glaubwürdigkeit erworben, als sie in den Jahren vor der harten Rezession für hohes Wachstum sorgte und alle Welt den "baltischen Tiger" lobte. Viele Esten haben sich auch in Euro verschuldet, um Immobilien zu kaufen. "Nur die Einführung des Euro verhindert, dass die Krone abgewertet wird und unsere Kredite unbezahlbar teuer werden", sagt eine junge Bankangestellte aus Tallinn, die sich 2007 zu Höchstpreisen eine Wohnung gekauft hat.

Die Unternehmen sind traditionell eurofreundlich. Das bestätigt sich schnell. Bei Tallink, dem größten Unternehmen des Landes und der weltweit viertgrößten Fährgesellschaft, ist der Euro schon Alltag. Die 19 Großschiffe fahren durch die ganze Ostsee und sind dort Marktführer vor der schwedischen und finnischen Konkurrenz. Sie laufen auch die Euro-Staaten Finnland und Deutschland (Rostock) an. 50 Prozent der Kunden sind Finnen, die sich auf den zweistündigen Fahrten von Helsinki nach Tallinn und in der Stadt gerne mit günstigem Alkohol eindecken. "Wodka-Touristen" heißen sie bei den Esten. An Bord der Schiffe kann daher schon lange mit Euro bezahlt werden. "Wir sehen den Euro positiv, weil er das Reisen in der Ostsee durch den Wegfall des Geldumtausches erleichtert", sagt Luulea Lääne von Tallink.

Wir fahren raus aus der Hauptstadt aufs dünnbesiedelte Land, immer geradeaus nach Osten Richtung Russland. Durch riesige Birken- und Fichtenwälder, fast 50 Prozent des Landes sind mit Wald bedeckt. Dazwischen eine tiefverschneite Steppe. Hier ist nichts, nur eine Holzfabrik. Sie ist eine der größten des Landes und produziert Furniere für die ganze Welt, auch für Hülsta und Ikea. Manch ein Billy-Regal ist damit ausgestattet. Das Werk gehört der deutschen Möhring-Gruppe, einem der größten deutschen Investoren in Estland.

Es wird von Edmund Smolarek geleitet. Auch er ist für den Euro, weil er dann seine Bücher nicht mehr in zwei Währungen führen muss und Geld beim Umtausch spart. Aber der Euro ist für Smolarek ein Randthema. Er hat ganz andere Sorgen - wie viele andere Unternehmer. 450 Leute beschäftigt er, und er braucht mehr qualifiziertes Personal. "Es gibt keine gute handwerkliche Ausbildung in Estland", sagt er. Und das Land hat zu wenig Menschen, um genug Arbeiter für große Fabriken bereitzustellen. Deswegen sind auch ein Autowerk oder ähnliche Großinvestitionen in Estland nicht zu finden. "Ich miete Busse, um meine Leute täglich aus den weit entfernten Wohnorten ins Werk zu bringen", klagt Smolarek.

Wir fahren weiter nach Osten nach Narwa, mitten in die Krisenregion Estlands. Hässliche Plattenbausiedlungen aus der Sowjetzeit prägen das Stadtbild, von der politischen Wende künden nur neue Tankstellen und Supermärkte. Die Arbeitslosigkeit und die Kriminalität sind hoch. Hier im Osten lebt der Großteil der russischsprachigen Minderheit, die rund 25 Prozent der estnischen Bevölkerung ausmacht und oft kein Estnisch spricht. Jobs in estnischen Unternehmen findet sie so gut wie nicht.

Jetzt hat auch der früher größte Arbeitgeber der Region dichtgemacht, das Textilwerk des schwedischen Investors Krenholm. Die Baumwollpreise waren zu schnell gestiegen. Das ist das Ende der einst wichtigen Textilproduktion in Estland. "Die Menschen hier sind depressiv, weil sie so wenig Aussichten auf neue Jobs haben", klagt Jelena Kuzmina, Leiterin des örtlichen Arbeitsamtes.

Kein Wunder, dass in Narwa die meisten den Euro ablehnen. An neue ausländische Investoren glauben sie nicht, sie müssen sich auch nicht von ihren russischen Brüdern abgrenzen. Stattdessen werden sie die Preissteigerungen durch den Euro besonders hart treffen. Aber in Tallinn hört ihnen keiner zu, sie sind eben eine Minderheit. Und die Mehrheit wartet auf Silvester. Um null Uhr geben die Geldautomaten Euro-Scheine aus - dann nicht nur für Sammler.

Die Deutschen werden sich an neue Euro-Münzen gewöhnen müssen. Bald werden sie im Geldbeutel die ersten estnischen Münzen haben. Ihre Rückseite ziert eine Karte Estlands. Seit Anfang Dezember können die Balten Plastikbeutel mit allen neuen Münzen erwerben, um sich an die „senti“ und „eurot“ zu gewöhnen. Die neuen Scheine gibt es erst von Januar an. Die Deutschen kennen solche Beutel von Ende 2001 unter dem Namen Starter-Kit. In Estland sind die Tütchen beliebt, nach einer Woche waren zwei Drittel der 600 000 Kits verkauft. Die Regierung begleitet die Ausgabe der Münzen mit Broschüren und Umrechnungsmaschinchen (Eurokalkulaator) für jeden Haushalt, mit Fernsehspots und Plakaten auf den Straßen. Die größte Sorge der Bürger ist, dass es zu heimlichen Preiserhöhungen durch die Euro-Umstellung kommt. Um das zu vermeiden, müssen die Preise seit Juli in Kronen und Euro ausgezeichnet werden. Eine Verbraucherschutzbehörde soll heimliche Preiserhöhungen öffentlich anprangern. In den ersten zwei Wochen im Januar darf noch in Kronen bezahlt werden, das Wechselgeld gibt es dann aber in Euro.

Schon 2006 hatte sich Estland für einen Euro-Beitritt beworben, war aber an der zu hohen Preissteigerung gescheitert. Jetzt nutzte die Regierung die Wirtschaftskrise für einen neuen Anlauf. Dabei drückte sie die Inflation fast auf null. In den nächsten Jahren wird sie wieder steigen und hätte einen Beitritt vermutlich abermals verhindert. Euro-Kritiker hätten den Euro lieber später eingeführt. Ohne die strengen Schuldenregeln des Euro würde Estland stärker wachsen, behaupten sie.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z., Frank Röth

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