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F.A.Z. - Währungseinführung

03.01.2011


Artikel
03.01.2011
Währungseinführung - der Euro kommt wie der Schnee


Währungseinführung


Der Euro kommt nach Estland wie der Schnee


Ab sofort in Euro, bitte! Doch Begeisterung für die neue Währung kommt in Estland nicht auf. Die Hauptstadt Tallinn zeigt lieber als neue Kulturhauptstadt des Kontinents, dass sie zu Europa gehört.

Von Hanno Mußler, Tallinn

 

03. Januar 2011 

 

Als ob es nicht schon genug Schnee in der estnischen Hauptstadt Tallinn gäbe, fängt es um genau eine Minute vor Mitternacht wieder an zu schneien. Die in der klirrend kalten Silvesternacht dicht gedrängt stehenden Menschen vor dem neoklassizistischen Opernhaus nehmen es fast so stoisch hin wie die staatstragende Rede ihres Präsidenten, die gerade auf einer Großbildleinwand übertragen wird. Sehnsüchtig erwarten sie das neue Jahr. In wenigen Sekunden wird Ministerpräsident Andrus Ansip die ersten Euro aus einem Geldautomaten ziehen.

Doch für die meisten Esten ist der neue Euro anscheinend gar nicht so wichtig. „Man kann dagegen nichts machen. Er kommt wie der Schnee“, sagt achselzuckend ein Mann mittleren Alters, auf die meterhohen Schneemassen rechts und links des Bürgersteiges weisend. Der Immobilienmanager hat die guten Jahre 2000 bis 2007 mit Wachstumsraten von 10 Prozent ebenso wenig vergessen wie den tiefen Absturz, als die estnische Wirtschaft im Jahr 2008 erst um 5 und im Jahr 2009 um 14 Prozent schrumpfte. Die Ausschläge am Immobilienmarkt, angeheizt durch hohe Kreditfinanzierung, waren noch größer. „Auf und Abs wird es mit oder ohne Euro weiter geben, ebenso wird Inflation kommen, da es unserer Wirtschaft zum Glück wieder besser geht. Das alles hängt nicht vom Euro ab“, widerspricht der Mann der landläufigen Meinung.

Umfragen haben in Estland zuletzt eine Zustimmung von nur noch 52 Prozent für den Euro ermittelt. Die meisten Esten, die sich auf den schneebedeckten Straßen in Tallinn äußern, sehen in der Aufgabe der estnischen Krone vor allem ein Stück weit den Verlust nationaler Identität. Seit Estland im Jahr 1991 mit der Unabhängigkeit von Russland den Rubel los wurde, ging es wirtschaftlich unter dem Strich bergauf. Auch in Krisen hat Estland seine Währung nie abgewertet. Erst war die Krone an die D-Mark und dann an den Euro gekoppelt. Estland war damit „praktisch schon im Euro-Raum, wird aber jetzt vom politischen Outsider zum Insider“, formuliert der liberale Finanzminister Jürgen Ligi. Die Regierung kann mit dem Euro die zuletzt immer wiederkehrenden Gerüchte um Währungsabwertungen beenden, die Investoren abgeschreckt haben. Sie genießt nach hartem Sparkurs die Qualifikation für den Euro-Beitritt. Viele Esten dagegen hängen noch an ihren Geldscheinen, von denen der blaue 100-Kronen-Schein an den 100-D-Mark-Schein erinnert.

Unmittelbar im neuen Jahr wird der Euro schnell greifbar für alle

Alte Leute sind wegen der Eisglätte kaum auf der Straße. Wer in Estland eine Rente von 400 Euro bekommt, kann sich glücklich schätzen. Zusammen mit der fast wie in einer Parallelwelt lebenden russischen Minderheit sind die Rentner die Verlierer der politischen Wende. Viele versuchen, sich etwa mit Babysitting für vielleicht 2 Euro die Stunde die karge Rente aufzubessern. Vertrauen in eine neue Währung wie den Euro zu setzen, sei schwierig, sagt die 30 Jahre alte Liina über ihre Großmutter Helle Adams. Dennoch habe die 78 Jahre alte Frau zwei Ausführungen einer Grundausstattung mit den neuen Euro-Münzen zu Weihnachten erworben. Ob mehr als Erinnerungsstück oder aus Sorge, am Neujahrstag kein akzeptiertes Geld mehr zu haben, wisse die alte Dame wohl selbst nicht so genau.

Dabei darf auch nach Silvester noch zwei Wochen in Kronen gezahlt werden. Wer aber zwei Abende vor der Jahreswende im Restaurant mit Euro bezahlen will, erhält sogar das Wechselgeld in Euro zurück. Der Ersatz für den zu Hause vergessenen Rasierer muss dagegen am Silvestertag noch in Kronen bezahlt werden. Unmittelbar im neuen Jahr wird der Euro schnell greifbar für alle. Für die 1,3 Millionen Esten gibt es nach Angaben der Zentralbank insgesamt 867 Geldautomaten. Sie scheinen nur wenige Minuten nach Mitternacht überall in dem nicht einmal die Fläche Niedersachsens umfassenden Land alle Euro auszuspucken. Die Swedbank hat einen gelben „Euro-Transporter“ auf der zentralen Silvesterfeier aufgestellt, so dass die Menschen dort von Mitternacht an sofort das neue Geld abheben können. „Ja, es hat geklappt“, freut sich eine junge Mutter, die die ersten estnischen Euro-Scheine ihres Lebens hoch hält. Was sie mit dem Geld machen will, weiß sie noch nicht. Sie wollte nur sicher sein, dass sie für die nächsten Tage Euros hat.

Der Euro bleibt in dieser Silvesternacht am Opernplatz seltsam im Hintergrund. Als zu Mitternacht eine große Fanfare an Böllern vom Dach eines nebenstehenden Hotelturms zündet, wird das neue Jahr mit Jubel begrüßt. Auf der Leinwand tauchen der Eiffelturm, das Kolosseum und das Brandenburger Tor auf. Doch diese Bilder stehen weniger im Zusammenhang mit dem Euro. Vielmehr ist die zentrale Silvesterfeier mit Ball im Opernhaus und verschiedenen Bands davor vor allem der Europäischen Kulturhauptstadt gewidmet, die Tallinn im Jahr 2011 gemeinsam mit der finnischen Stadt Turku ist. Ziele dieses „Kulturjahres“ sind etwa, den von den Russen als „Sperrgebiet“ behandelten Hafen Tallinns mit einer Promenade an das Stadtzentrum heranzuführen. Außerdem zeigt das noch immer größte Hotel der Stadt, Viru, vom 13. Januar an in einem neuen Museum einen Einblick in seine kommunistische Geschichte. Einst bewohnte der russische Kommunistische Geheimdienst (KGB) hier ganze Etagen, um die in Hartwährung zahlenden Westgäste abzuhören und das Hotelpersonal zu beschatten.

Im Chor zu singen ist ein von vielen gepflegtes Hobby

Kultur als Zeichen der Zugehörigkeit zu Europa scheint den meisten Esten auch im Alltag wichtiger zu sein als der schnöde Mammon. Tallinn ist Sitz der größten Bibliothek im Baltikum. Das Neujahrskonzert im Opernhaus hätte mit Werken von Johann Strauß und Emmerich Kálmán so auch in Wien statt finden können. Im Chor zu singen ist in Estland ein von vielen von Kindheit an gepflegtes Hobby. So scheint es auch niemanden zu stören, dass ranghohe Vertreter der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank mit Ausnahme des finnischen Erweiterungskommissars Olli Rehn der Euro-Einführung fernbleiben. Die Premierminister der beiden baltischen Nachbarn aus Lettland und Litauen sind dagegen da. Ihre Länder hoffen auf eine Euro-Einführung vom Jahr 2014 an.

Als um 1 Uhr morgens die letzten Gäste des Silvesterballs verschwinden und sich auch die Menge auf dem Platz vor der Oper langsam auflöst, wird der Auftakt in das neue Jahr in der Altstadt Tallins noch kräftig gefeiert. In der Bar O'Malleys direkt hinter dem alten Stadttor zahlen Einheimische und Touristen überwiegend in Kronen - und erhalten auch nach Mitternacht Kronen und nicht Euro zurück. So wird es für manchen noch ein langer Abend, wenn er alle Restbestände an Kronen aufbrauchen will. Die größte Begeisterung für den Euro bringt in der Bar eine Nicht-Estin auf, die 30 Jahre alte Laura Putnina aus der lettischen Hauptstadt Riga. „Wir Letten machen gerne Witze über die Esten, weil sie angeblich so langsam sind“, sagt sie. „Aber heute würde ich mir wünschen, dass mein Land das gleiche Schicksal nimmt wie Estland.“ Lettlands Zahlungsfähigkeit musste im Jahr 2008 der Internationale Währungsfonds mit Notkrediten sicherstellen. In das von der Krise erholte Estland dagegen ist in dieser ersten Nacht des Jahres 2011 der Euro gekommen - fast so leise wie der Schnee.

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