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F.A.Z.-Reiseblatt - Es war einmal ein düsterer Ort

06.01.2011

F.A.Z.- Reiseblatt, 06.01.2011

 

Es war einmal ein düsterer Ort
Die besten Geschichten Europas werden 2011 in Tallinn erzählt. So lautet das ehrgeizige Motto der Kulturhauptstadt. Und die Esten haben wahrlich vieles zu berichten.

 

Von Volker Mehnert

 

Reet Aus streifte vor einigen Jahren noch als Punkerin durch die Straßen von Tallinn. Heute ist sie Estlands bekannteste Modeschöpferin, die ihr Design in London, Berlin und Brüssel präsentiert. Ihre umweltfreundlichen Kreationen bestehen ausschließlich aus Abfällen einer Jeansfabrik und anderen wiederverwerteten Stoffen, sind aber alles andere als biedere Öko-Mode. Wenn sie in einer unwirtlichen, ausgedienten Fabrikhalle im Zentrum der estnischen Hauptstadt Tallinn ihre neue Kollektion vorstellt, dann füllen Hunderte von Besuchern den Saal bis auf den letzten Platz. Sie erleben eine mitreißende Veranstaltung. Der Laufsteg wird zur Bühne, denn Reet Aus inszeniert eine Synthese aus Modenschau, Avantgardetheater, Konzert und Ballett, eingebettet in ein Lichtspektakel, das sich auf den kahlen Wänden der Halle abspielt. Die Modeschöpferin selbst agiert als Schauspielerin, Bühnenbildnerin und Regisseurin zugleich - und als Ikone der jungen estnischen Kulturszene.

Episoden und Lebensläufe dieser Art werden in Tallinn in Serie geschrieben. Vor anderthalb Jahrzehnten aber, als wir erstmals nach Estland kamen, hatten wir ganz andere Geschichten im Kopf. Sie waren geprägt von den finsteren Phantasien des deutschbaltischen Schriftstellers Werner Bergengruen, von dessen düsteren Spukerzählungen vom Tod in der baltischen Hansestadt Reval, von Friedhöfen, von Begräbnissen und Trauerzügen, von ertrunkenen Matrosen und ermordeten Ehefrauen. Wir waren damals eingestellt auf eine graue, trübselige Stadt. Und Tallinn präsentierte sich auch genauso.

Estland war zwei Jahre zuvor unabhängig geworden, aber Tallinn hatte sein sowjetisches Antlitz behalten, und die Bewohner besaßen höchstens eine Ahnung von ihrem Weg in die Zukunft. Es war eine Zeit der Lähmung, des langsamen Übergangs, in der sich kaum jemand zurechtzufinden schien. Veränderung wollte nur zäh einsetzen. Die Menschen waren geprägt vom sowjetischen System, und ihren Freiheitswillen demonstrierten sie durch Abschottung, Trotz und Misstrauen gegenüber Ausländern und fremden Mächten. Wer damals prophezeit hätte, dass Estland ein Jahrzehnt später Mitglied der Europäischen Union und 2011 sogar Europäische Kulturhauptstadt sein würde, hätte nur Kopfschütteln und Häme geerntet.

Die ganze Tristesse der frühen neunziger Jahre ist inzwischen weggewischt. Zwar bezeichnen sich die Esten selbst weiterhin als verschlossen und zurückhaltend, und eine Broschüre der Tourismuszentrale warnt: "Emotionen zu zeigen ist nicht wirklich das Auffälligste an den Esten." Aber das erscheint inzwischen wie ein Kokettieren mit traditionellen Befangenheiten. Denn das neue Estland ist aufgeschlossen und kommunikativ, und die Menschen haben das Lächeln gelernt - nicht nur die professionellen Gastgeber in Hotels und Cafés, sondern auch die einst notorisch griesgrämigen Postbeamten, Museumswärter und Busfahrer. Eine neue Generation ist herangewachsen, die ein junges, unverbrauchtes und dynamisches Estland repräsentiert und die Geschicke des Landes, vor allem aber das kulturelle Leben bestimmt. Wenn sich die Organisatoren des Kulturjahres 2011 treffen, der Programmdirektor Jaanus Rohumaa, die Projektleiterin des Kunstmuseums Ragne Nukk, die Festivaldirektorin Helen Sildna, die Marketingkoordinatorin des Tourismusbüros Eva-Kristiina Ponomarjov oder der Theaterintendant Peeter Jalakas, dann ist keiner von ihnen älter als vierzig Jahre.

Auch äußerlich hat sich Tallinn einer urbanen Runderneuerung unterzogen und dem Stadtbild verschwenderisch Farbe und Licht geschenkt. Es gibt jetzt eine behutsam restaurierte Altstadt, die Unesco-Weltkulturerbe ist, ohne als Puppenstube zu erstarren; renovierte Fassaden und dahinter Unmengen von Cafés, Kneipen, Fast-Food-Restaurants, Boutiquen und Touristenfallen; Hochhäuser, die sich zu einem kleinen Tallinner Manhattan zusammenstellen; Einkaufspassagen, in denen die Passanten dem grimmigen Winter entkommen können; dazu auch manche Bausünde, die dem Auge weh tut, ebenso wie verbliebene Grautöne aus sowjetischer Zeit, deren weiteres Überstreichen durch die Finanzkrise einstweilen gebremst wurde. Die Stadt hat sich mit Macht in die europäische Normalität katapultiert.

Der Freiheitsplatz Vabaduse väljak, eine Art Nationalheiligtum der Esten, ist von den zwischenzeitlich hier parkenden Autokolonnen befreit und für die Menschen zurückerobert worden. Der zentrale, früher abweisende Platz bietet jetzt Raum zum Flanieren und Ausruhen und gibt den Blick frei auf herrliche Jugendstilfassaden und die Jaanikirche, auf Teile der Stadtmauer und die Grünflächen des Burgberges. An der Westseite wurde im vorigen Jahr eine eisblockartige, gläserne Säule errichtet. Die fragile Konstruktion erinnert an die estnischen Freiheitskriege von 1918 bis 1920, in denen sich das kleine Land zum ersten Mal, aber nur für kurze Zeit von der Herrschaft fremder Großmächte befreite.

Stadtrundfahrten beinhalten heute auch eine Tour durch den gigantischen Plattenbaubezirk Lasnamäe, in dem vorwiegend die russische Bevölkerungsminderheit lebt. "Unser Kontrapunkt zur pittoresken Altstadt", merkt die Stadtführerin lakonisch an. Vor fünfzehn Jahren wäre das unvorstellbar gewesen, denn damals konnte die Abgrenzung von den ehemaligen Repräsentanten der sowjetischen Herrschaft nicht groß genug sein. Inzwischen sind die Berührungsängste zwischen Esten und Russen geringer: Es gibt wieder ein Museum für sowjetisches Alltagsleben, das Exponate zeigt, die von den Bürgern aus ihren Haushalten zur Verfügung gestellt werden. Das Restaurant im Hotel Telegraaf ist bekannt für seine erstklassige russische Küche, und im Café Moon, mittags und abends vollbesetzt mit jungen Esten, kocht der Küchenchef nach den Rezepten seiner sibirischen Großmutter. Russisches wird langsam schick.

Auch das Nationale Kunstmuseum KuMu, das sich trotz seiner Pracht harmonisch in die Umgebung integriert und 2008 zu Europas Museum des Jahres gekürt wurde, besitzt eine weitläufige Abteilung zum sozialistischen Realismus. Hier werden die besonderen Freiheiten nicht verschwiegen, die estnische Künstler in der Sowjetunion genossen. Die Abstraktionen eines Elmar Kits oder die kubistischen Bilder von Henin Roode waren zwar im offiziellen Kulturbetrieb verpönt, wurden aber in Estland ausgestellt und von Museen erworben. Auch der zeitgenössisch-künstlerische Rückblick auf die kommunistische Ära ist von ideologischer Entspannung geprägt; ein monumentales Werk des Bildhauers Villu Jaanisoo bedient sich sogar einer prominenten Stalin-Büste. Estland schaut alles in allem entkrampfter auf seine Vergangenheit, das Land ist zwanzig Jahre nach seiner Unabhängigkeit erwachsen geworden.

Architektonische Relikte aus der Zaren- und Sowjetzeit kommen ebenfalls wieder zu Ehren. Das Rotermann-Quartier zwischen Altstadt und Ostsee, Ende des neunzehnten Jahrhunderts entstanden, war im Laufe der Zeit zu einem verwahrlosten Industriegelände heruntergekommen. Hier drehte 1979 der russische Regisseur Andrej Tarkowski in passender Umgebung seinen Science-Fiction-Film "Stalker", einen Klassiker des sowjetischen Kinos, der im Westen zum Kultfilm wurde. Er spielt in einer abgesperrten, verwüsteten Zone, die unter militärischer Bewachung steht; nur geheimnisvolle Pfade führen von dort aus in eine angeblich bessere Welt. Die meisten Bauten von damals sind noch erhalten und stehen unter Denkmalschutz.

Couragierte - und natürlich junge - Architekten haben sie in den vergangenen fünf Jahren für eine moderne Nutzung als Wohn- und Bürogebäude umgestaltet und durch avantgardistische Neubauten ergänzt. Ein altes Sägewerk aus Kalkstein erhielt gläserne Aufbauten, die an Kühltürme erinnern; rostig-modernistische Stahlfassaden konkurrieren mit traditionellen Ziegel- und Kalksteinwänden; Gassen mit Kopfsteinpflaster und künstlich errichteten Steigungen rufen Reminiszenzen an die Tallinner Altstadt hervor. "Wir wollten neue Substanz in Harmonie mit den alten Gebäuden schaffen, bauliche Kontraste zu den bestehenden Fabrikgebäuden, die dennoch mit den Formen der industriellen Architektur spielen", sagt der leitende Architekt Andrus Kõresaar. Das seien die Grundlinien dieses kühnen Projekts der Stadterneuerung. Zugleich macht Tallinn damit einen großen Schritt zu einer völlig neuen urbanen Identität, denn das Rotermann-Quartier ermöglicht jetzt auch den bislang verschlossenen Zugang vom Zentrum zum Hafen und zur Ostsee.

Tallinn und das Meer verbindet eine verschüttete Liebe. Seit dem Zweiten Weltkrieg war die ehemalige Hansestadt durch Industrieanlagen und sowjetisches Militärgelände von der Ostsee abgeschirmt. Nach der Unabhängigkeit 1991 verwandelten sich die Uferbezirke in leerstehende Betonhüllen und unzugängliches Brachland. Im Rahmen des Kulturjahrs 2011 soll die Liaison der alten Hansestadt mit dem Meer nun eine glanzvolle Renaissance erleben. Dazu ist der "Kulturkilometer" geschaffen worden, eine Uferpromenade von der Stadthalle zum neu errichteten Schifffahrts- und Meeresmuseum. In einem ehemaligen Heizkraftwerk an der Wasserkante soll der "Kultur-kessel" entstehen, ein Zentrum für Kreativität und experimentelle Kunst. Ein übel beleumundeter Gefängnisbau mit Blick aufs Meer wartet noch auf seine neue Bestimmung.

Tallinn ist keine Stadt am kulturellen Rand Europas, die sich als Europäische Kulturhauptstadt einmal für einen Sommer ins internationale Rampenlicht setzen möchte - im Gegenteil: Den Titel Kulturhauptstadt sieht man vielmehr als vorläufigen Höhepunkt einer rasanten schöpferischen Entwicklung, die hier den Alltag bestimmt. Denn die Esten sind versessen auf Kultur. Es gibt sechzehn Theater allein in Tallinn, die Aufführungen sind meist ausverkauft; man kämpft um Abonnements für Konzertreihen, ganz gleich, ob klassisch, populär oder avantgardistisch. Das Programm der Kulturhauptstadt ist deshalb auch mit Beteiligung der Bevölkerung entstanden, Hunderte von Vorschlägen seitens der Einwohner wurden ausgewertet und berücksichtigt. Die Veranstaltungen im Jahresverlauf sollen auch einem breiten Publikum zugänglich sein und weit über das eigentliche Kulturjahr hinaus wirken.

Eines der zentralen Projekte ist die Ausstellungsserie "Gateways", die vom Nationalen Kunstmuseum und vom Goethe-Institut organisiert wird. Sie zeigt, dass die junge Generation nicht nur voranstürmt, sondern sich auch kritisch mit den eigenen Zielen und Errungenschaften beschäftigt. Estland gilt zum Beispiel in ganz Europa als Vorreiter beim Einsatz der neuen Medien. Der Begriff "e-Estonia" steht für kostenlosen Internetzugang für alle, W-Lan im Wald, e-Government, Parlamentswahlen per Internet oder auch eine persönliche Identitätskarte, die bei Einkauf und Amtsgeschäften Türen und Tore öffnet, aber zugleich alle nur denkbaren Daten speichert. Dass sich das Land jetzt ausgerechnet mit dem Gebiet kritisch auseinandersetzt, auf dem es die größten Fortschritte und internationale Anerkennung erlangt hat, beweist ein weiteres Mal: Estland ist erwachsen geworden. Erfolge werden erzielt, gefeiert, aber auch hinterfragt.


Text: F.A.Z., 06.01.2011, Nr. 4 / Seite R3

 

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