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F.A.Z. Reisebericht: Komm nach Muhu

15.05.2011

Komm nach Muhu...
. . . und hin und weg bist du: Vormsi, Hiiumaa, Saaremaa und Muhu sind Inseln in Estland, die vor allem Ruhe verströmen Von Karin Finkenzeller

Den Waldgroßvater um einen Gefallen zu bitten verlangt unbedingt nach einer Gegenleistung. "Das muss keine große Sache sein. Ein paar Getreidekörner reichen schon", sagt Martin Kivisoo und wirft einige zwischen die Bäume, dahin, wo er den gutmütigen Geist vermutet. Mit seinem weißen Vollbart und den buschigen Augenbrauen sieht der 63-jährige Pferdezüchter aus, als könnte er selbst die Rolle übernehmen. Doch es ist ihm ernst, als er jetzt an einen gewaltigen Findling herantritt, der an der Waldlichtung liegt, stumm einen Wunsch formuliert und anschließend mit einem handtellergroßen Stein dreimal in eine schon ausgeprägte Kuhle des Findlings schlägt.

Estland im Frühsommer. Dieses Jahr feiern sie hier im nördlichsten der baltischen Staaten zwanzig Jahre Unabhängigkeit von der ehemaligen Sowjetunion. Sie zahlen seit Jahresbeginn in Euro und modernisieren ihr Land weiter im Sauseschritt. Sie haben Skype erfunden. Zwei Drittel der Esten nutzen heute schon ihr Grundrecht auf kostenlosen Internetzugang. Auch mitten im Wald, wenn gerade Bedarf ist. WLan ist überall. Aber auch die guten Geister und der Glaube an die Kraft der Natur haben hier noch ihren Platz. Vor allem auf den Inseln draußen in der Ostsee. Auf Muhu, wo Martin Kivisoo die Energie der Ahnen spürt, wenn er die Hände an einen alten, knorrigen Baum legt. Auf Vormsi, wo ein Schamane Esoterikanhänger um sich versammelt. Auch auf den größeren Inseln Hiiumaa und Saaremaa, wo Kurgäste eingepackt in Heilschlamm aus dem Meer oder in der Sauna die Stress-Dämonen ausschwitzen.

Westmeer nennen die Esten die Ostsee. Denn vor ihrem Standpunkt aus betrachtet liegt sie eben im Westen. Wenn die Fähren aus Haapsalu oder Virtsu an den Inselhäfen anlegen, sehen die Besucher erst einmal grün. Wie ein Teppich breiten sich die Wälder aus. Die Dörfer und Einödhöfe liegen irgendwo versteckt dazwischen auf einer Lichtung, die oft nur über enge Schotterwege zu erreichen ist. Die gut ausgebauten Überlandstraßen sind ein Überbleibsel aus der Sowjetzeit. Sie dienten als direkte Verbindungsachsen zwischen den Kolchosen. "Für die Natur war die Herrschaft der Russen gut", sagt Elle Burmann auf Vormsi und lacht ein wenig verlegen. Dass die Geographin und Naturschützerin dort noch heute zweihundert Tier- und vierhundert Pflanzenarten zählt, wilde Orchideen, Butterblumen und Margeriten zu Tausenden neben Wacholderbäumen und Beerensträuchern wachsen, Braunbären, Elche und Luchse umherstreifen, hat auch damit zu tun, dass die estnischen Inseln als Außenposten der Sowjetunion militärisches Sperrgebiet waren. Wegen der Fluchtgefahr war der Zutritt Besuchern praktisch untersagt. Auch Burmann musste in den achtziger Jahren erst in der heutigen lettischen Hauptstadt Riga ein Visum beantragen, um auf Vormsi eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben. Von den einst dreitausend Bewohnern der Insel waren nach dem Zweiten Weltkrieg nur rund zweihundert geblieben - meist Soldaten, die in der deutschen oder russischen Armee gedient hatten und die Grenze ins nahe Schweden nach ihrer Rückkehr verschlossen vorfanden.

In den Sommermonaten, wenn die Sonne erst kurz vor Mitternacht den Himmel rot einfärbt, zählt Vormsi heute wieder dreitausend, manchmal sogar viertausend Menschen. Urlauber, die sich zwischen den roten Blockhäusern mit den weißen Fensterrahmen fühlen wie in "Ferien auf Saltkrokan", die Insel auf dem Fahrrad erkunden, im Kanu Ausflüge in das Schilf unternehmen oder auf den alten Friedhöfen die Inschriften auf den Rundkreuzen entziffern. Mit denen wollten die Inselbewohner einst stolz demonstrieren, dass ihre Vorfahren Wikinger waren.

Im Jahr zwanzig nach der Unabhängigkeit sind die estnischen Inseln für Urlauber vor allem Aufladestationen für Körper und Seele. Höchstens die hungrigen Mücken stören ihre Ruhe. Die Einheimischen kämpfen derweil mit einer der höchsten Arbeitslosenquoten in Europa. Im Durchschnitt liegt sie bei 19 Prozent, für die unter 25-Jährigen sogar bei fast 40 Prozent. Und mit einem Durchschnittsverdienst von umgerechnet 900 Euro lassen sich keine großen Sprünge machen. Trotzdem hat Eva Velsvebel London, wo sie zum Studium war, wieder gegen die Abgeschiedenheit ihrer Heimat Saaremaa getauscht. Ihren englischen Ehemann Stephen hat sie mitgebracht. Auf dem Weg in den Inselsüden weist ein Straßenschild nach Kaarma. Mit zwei "a". Hier steht das Paar in der Küche seines reetgedeckten Hofs und rührt in einem großen Topf. Es riecht nach Bienenwachs und Kokosnuss. "Der Name des Orts war wie ein Omen", sagt Eva schmunzelnd. "Wir mussten praktisch hier landen." Good Kaarma heißt nun ihr junges Unternehmen. Sie stellen Ökoseifen her. "Wallstreet" haben sie eine getauft. Für den gestressten Manager mischen sie Rosmarin unter Bienenwachs und Kakaobutter. "Das beruhigt." Eine andere, auf Basis des Heilschlamms, der in den Buchten aus dem Meer gebaggert wird, verkauft sich inzwischen sogar in Japan.

Auch andere junge Esten besinnen sich auf die Traditionen und versuchen das, was die Natur hergibt, zur Perfektion zu führen. Hering mit Gurkensalat ist beispielsweise eines der Lieblingsgerichte von Peeter Pihel. Gerade dreißig Jahre ist er alt und gehört schon zu den besten Köchen Europas.

Fortsetzung auf Seite V2 Auf Saaremaas Nachbarinsel Muhu, wo Martin Kivisoo seine Geschichten erzählt und die guten Geister gnädig stimmt, wagt er es ausgerechnet in einem Luxus-

Resort, zwar raffiniert abgewandelte, aber doch bodenständige estnische Gerichte mit Kartoffeln, Fisch, Schwein und Wild auf den Tisch zu bringen. "Traditionelle Techniken wie pökeln, trocknen, sauer einlegen oder räuchern sind ideal für unsere Küche", ist er überzeugt. Wenn Pihel morgens auf den Markt geht oder in den Kräuter- und Gemüsegarten des Pädaste Manor, jenem wie in einem romantischen Traum ans Ufer der Ostsee hingetupften Herrenhaus aus dem 15. Jahrhundert, das seine Chefs vor dem Verfall retteten, dann entscheiden Jahreszeit und saisonal vorhandene Zutaten, welche Speisekarte daraus entsteht.

Auch Brot steht am Tisch, wenn die Gäste im Wintergarten sitzen und zu klassischer Musik den Blick hinaus in den Park wandern lassen. Dunkles, nahrhaftes Brot aus gemahlenem Roggenmehl. Das gehört dazu in einem Land, in dem man "Guten Appetit" mit "Jätku leivale" wünscht - wörtlich übersetzt: "Das Brot soll reichen" - und eine Familie eine "Brotschaft" (leibkond) ist. Keine Frage, dass Esten morgens erst einmal ein Stück Brot essen, ehe sie den Tag beginnen. Alles andere könnte die Geister verärgern.


Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.05.2011, Nr. 19 / Seite 73

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