Deutsch
Eesti English
Informationen »

SWP - Die klingende Seele eines Volkes

11.07.2011

 

Tallinn. 
Estland, wie es singt und tanzt, lacht und weint: Nur 1,4 Millionen Einwohner hat der baltische Staat, doch davon feiern 100 000 das Laulupidu-Fest. Ein bewegender Akt nationaler Sinnstiftung durch Musik.

 

So sieht es aus, so hört es sich an, wenn ein ganzes Land Gänsehaut hat. "Die weite Welt steht mir offen, aber nur ein Land ist das meine", schallt es aus zehntausenden Kehlen auf dem Lauluväljak, dem riesigen Liederplatz von Tallinn. Heerscharen in prachtvollen Trachten, ein blau-schwarz-weißes Fahnenmeer, überschwappender Gesang, grenzenlose Euphorie.

Es ist Laulupidu, das dreitägige Sanges- und Tanzfest Estlands - und fast jeder der 1,4 Millionen Esten hat in irgendeiner Form damit zu tun. "Maa ja ilm" heißt das Lied: "Die weite Welt beginnt in einem kleinen Land". Es ist auch das Motto des diesjährigen Fests.

3000 Orchestermusiker spielen auf, 23 000 Sänger lassen die bis zu 73 Meter breite, muschelförmige Treppenbühne erbeben. 8000 Tänzerinnen und Tänzern finden sich in immer neuen Formationen und Reigen zusammen, sie bilden geometrische und florale Muster, ein Riesenherz und schließlich Buchstaben: das Motto "Maa ja ilm". Eine Choreografie großer Gefühle.

"Man singt in Estland, bevor man spricht", sagt Kristina Krutop. Die Anthropologie-Studentin hat zuletzt ein Jahr lang die Welt bereist, zum Laulupidu ist sie heimgekehrt. Mit 22 hat sie die klingende Tradition Estlands längst in sich aufgesogen. "Meine Großeltern singen, meine Eltern singen, und ich stand mit acht erstmals beim Laulupidu auf der Bühne." Es sei "viel mehr als ein Konzert. Die Energie der Chöre ist so stark." Singen schweiße die Esten zusammen, sagt Kristina, "es ist wie eine Gruppentherapie". An jeder estnischen Schule gibt es mindestens eine Handvoll Chöre. Busfahrer singen im Chor der Stadtwerke, Ärzte im Krankenhauschor.

Eine Flamme lodert in den Himmel, Staatspräsident Toomas Ilves beschwört den Geist der Gemeinschaft; auch ihn sieht man an den drei Tagen singen und tanzen. La-Ola-Wellen tosen durch die Menge, als ob sie eine estnische Erfindung wären. Fröhlicher Ernst und freudvolle Rührung herrschen.

Seit 1869 findet das Fest alle vier oder fünf Jahre statt. Die Unesco hat es auf ihre Liste mit den "Meisterwerken des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit" aufgenommen, es ist kultureller, sozialer und politischer Fixpunkt des estnischen Lebens. 2011 - diesmal stehen die Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt - ist es zudem Höhepunkt des Europäischen Kulturhauptstadtjahres von Tallinn.

Dafür wurde Laulupidu um ein Jahr vorverlegt. "Wir wollen das Fest natürlich nutzen, wenn wir im Scheinwerferlicht stehen", sagt Pressesprecherin Maris Hellrand. "Es ist nichts Erfundenes, sondern essenzieller Teil unserer nationalen Identität und Tradition. Es ist in der Seele unserer Kinder."

Im September wurden die Noten und Ablaufpläne an die Schulen geschickt, seitdem wurde geprobt. Nun campieren die Kinder und Jugendlichen in Tallinns Schulen, fahren mit Bussen zum Sangesgrund und sind dort mit Konzentration dabei. Zehn, zwölf Stunden pro Tag.

Die Teilnehmer sind in den Trachten der 15 estnischen Landkreise gekleidet: regionaler Stil-Reichtum in Rot, Blau, Weiß. Mädchen tragen prächtige Blusen und Wollröcke, kunstvoll geflochtene Zöpfe, Blumenkränze. Geschniegelte Jungen laufen in Trachtenanzügen herum. Kristina, die Studentin, trägt ein modernes Sommerkleid - aber den Gürtel ziert ein traditionelles Muster.

Das Laulupidu ist ein Akt der Selbstvergewisserung für ein Land, das viel Fremdherrschaft - schwedische, deutsche, russische - zu erdulden hatte. Auch nach der sowjetischen Besetzung 1940 fanden die Feste statt. Trotz aller Versuche, sie für Stalins Propaganda zu instrumentalisieren, blieben sie Ausdruck einer estnischen Identität: einer "singenden Nation", die ihre alten Lieder als Form verdeckten Widerstands begriff. "Der Chorgesang war in der Besatzungszeit die Möglichkeit, unverdächtig zusammenzukommen", weiß Kristina. "Und man lernte auch bei Liedtexten, zwischen den Zeilen zu lesen."

1988 erwuchs das estnische Autonomiebestreben gar als "singende Revolution", sie führte 1991 zur Unabhängigkeit. Auch das aktuelle Laulupidu-Motto - über das kleine Land in der großen Welt - hat eine politische Bedeutung: Viele junge Esten suchen ihr Glück im Ausland. "Aber wir haben unsere Lieder, unsere Musik in uns", sagt Kristina.

Diese Musik: vom zarten Glockenspiel und Trommelwirbel bis zum orchestralen Klang-Ozean und mehr als 20 000 Stimmen. Geistliche und weltliche Lieder, meist mollschwadige, vierstimmige Chorsätze. Volkstümliche Melodien, auch mal swingende und angepopte Rhythmen. Estland hat gerade in der Vokalmusik eine reiche Komponisten-Tradition - in Westeuropa ist Arvo Pärt am bekanntesten.

"Wir probieren durchaus neue Ideen aus", erzählt Dirigentin Veronica Portmuth, "aber bleiben stark in der Tradition verwurzelt." An Ritualen ändere man eben nicht so leicht etwas, betont auch Raul Talmar, der Programmmanager des Fests. "Es ist für uns schließlich eine spirituelle Sache."

Ein endlos erscheinender Zug von Trachtenträgern, Fahnenschwingern, Kapellen und Chören: Am dritten und letzten Tag ziehen die Teilnehmer in einer Parade durch Tallinn. Dann folgte das Abschlusskonzert: Musikspektakel, Picknick und Volksfest in einem - keine Aggression, kein Alkohol, kaum Kommerz. Stimmwellen wogen durch die Arena, berauschter, berauschender Jubel ertönt.

Selbst nach sieben Stunden Gesang wollen die Sänger nicht nach Hause, die Zuhörer auch nicht. Die Nationalhymne ertönt, aber es ist immer noch nicht vorbei: "Maa ja ilm" erklingt erneut. "Die weite Welt beginnt in einem kleinen Land" - die Botschaft, ein offener, moderner und doch traditionsbewusster Staat zu sein. Kristina Krutop lacht mit feuchten Augen.

Zum Artikel

TopBack

© Botschaft der Republik Estland in Berlin Hildebrandstraße 5, 10785 Berlin, Tel. (49) 30 254 606 02, E-Mail: Embassy.Berlin@mfa.ee