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F.A.Z. - Tallinn nutzt das Jahr als Europas Kulturhauptstadt

01.11.2011

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.11.2011

TALLINN, 31. Oktober. Eine Strandpromenade von der Innenstadt hin zu alten Fabrikanlagen an der Ostsee: Als wichtigste Folge des Jahres, in dem Tallinn neben dem finnischen Turku Europäische Kulturhauptstadt ist, mag das dem Uneingeweihten etwas mager erscheinen. Damit aber hat das einstige Reval sich in den vergangenen Wochen grundlegender gewandelt, als der erste Blick zeigt. Vielfältige Veranstaltungen laufen fort – derzeit ein Monat der Photographie, Festivals zeitgenössischer, orthodoxer und jüdischer Musik oder zu neuen Filmen, selbst ein Großtreffen von Bodybuildern. Das Kulturangebot der alten Hansestadt an der Grenze zwischen West und Ost war stets reich.

Nun aber hat Tallinn sein Verhältnis zur Ostsee wiedergefunden – wie einst, als Händler und Seefahrer Geschichte und Bild der Stadt prägten. Einige Jahrzehnte lang wurde diese Tradition fast ausgelöscht. Es war nicht ein städtebaulicher Zufall, dass in den Jahren sowjetischer Besetzung bis 1990 der Zugang von der Altstadt zur Küste mit Fabrikanlagen, Stacheldraht und Sperrgebieten und einem monströsen Betonbau anlässlich der Olympischen Spiele 1980 verbaut wurde. Bis 1990 war Estland Sowjetrepublik, nun gehört es zu EU und Nato. Das Kulturfest will die Stadt mit der Ostsee wieder vereinen und auch das Gefühl ihrer Bürger ändern, „mit dem Rücken zur See“ zu leben. So wählte die Hauptstadt der kleinsten der drei baltischen Republiken als Motto „Geschichten von der Meeresküste“.

Ansonsten brauchte Tallinn sich nicht neu zu erfinden: Die Beständigkeit über Jahrhunderte hinweg macht den Reiz der Altstadt aus, die als wohl einzige Hauptstadt Europas fast unverändert vom frühen Mittelalter geprägt ist. Reval war in der von Deutschbalten bestimmten Zeit zu massiv befestigt, um Ziel plünderungswütiger Belagerer zu werden, zu ärmlich auch, um enge krumme Gassen zu verbreitern und hohe spitzgieblige Häuser zu „verschönern“. Im Stadtkern steht die gotische Olavkirche mit ihrem spitzen Helm, im Mittelalter mit 159 Metern das höchste Gebäude der Welt. Ihm verdankt Europa ein Weltkulturerbe, das in seiner einheitlichen Bausubstanz einmalig ist. Das zieht Scharen von Touristen an – vor allem aus dem nahen Finnland und von Kreuzfahrtschiffen. In diesem Jahr kamen schon jetzt mehr ausländische Besucher als das Land Einwohner hat.

Die Besucher gehen an restaurierten Häusern vorbei bis zum alten Gefängnis, das heute Museum ist. Am Ende der Kulturmeile steht ein Schifffahrtsmuseum, dessen Eröffnung sich seit einem Jahr verzögert. Zugänglich ist schon ein Eisbrecher, an dem sich die Geschichte des Landes von zaristischen Jahren über die ersten zwei Jahrzehnte der Unabhängigkeit Estlands vor der kurzen Besetzung durch die Nationalsozialisten und der langen durch die Sowjets eindrücklich zeigt. Bei seinem Bau 1914 auf einer Werft in Stettin war es der modernste Eisbrecher Europas. Dort sind bald auch das einzige U-Boot des Landes und ausrangierte Minensuchboote aus Deutschland zu sehen, die Bundesmarine hatte sie den Esten in den Wendejahren geschenkt.

Nicht alle Anwohner, die von den Neubauten verdrängt wurden, sind damit zufrieden. Esten aber, so sagt die Frau in einem Designladen am Beginn der neuen Kulturmeile, litten still, sie protestierten nicht. Nahebei stehen Holzbauten in den Straßenzügen zwischen Ostsee, Kulturmeile und Bahnhof. Die zweistöckigen Holzbauten mit russischem Einfluss waren einst verzierte Billigbauten, dahinter folgen Plattenbauten und Villen im Grünen. Tallinn ist vielfältiger als das Puppenhaus im Zentrum. 

Robert von Lucius 

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